Lance Armstrong : Die anderen sind schneller, stärker, besser

Lance Armstrong hat sich überschätzt. Bei der Tour de France fährt er hinterher – nur noch verfolgt von immer neuen Doping-Vorwürfen.

Tom Mustroph
Lance Armstrong ist von der Tour gezeichnet.
Lance Armstrong ist von der Tour gezeichnet.Foto: AFP

Rekord-Tour-Sieger Lance Armstrong ist erschöpft. Schweißperlen stehen auf seiner Stirn. Das Gesicht ist tief gefurcht. Der viel beschriebene Killerblick ist einem Ausdruck ungläubigen Staunens gewichen. Er hat erkannt: Es geht nicht mehr. Die anderen sind schneller, stärker, besser.

Der siebenfache Sieger der Tour de France steht vor den Trümmern seiner Karriere – dazu gehören auch neue Fragen nach einem alten Thema: Doping. Der Texaner, der dieses Rennen eine Dekade lang geprägt hat, der Tourminator, der erste globale Superstar der Radfahrer, der von Präsidenten und Gouverneuren empfangen wird, dem Außenminister die Tür öffnen, ist zu einem simplen Mitfahrer geworden. Mehr als eine halbe Stunde liegt er im Gesamtklassement zurück.

Dass seine Kontrahenten jünger sind, ist nur ein Teil der Erklärung. Für den 38-Jährigen, der erst spät zu seiner großen Karriere fand, war es normal, gegen jüngere Fahrer zu siegen. Bei sechs seiner sieben Triumphe bei der Tour de France war dies so.

Doch 2010 ist die Welt verkehrt. Hilflos hebt Armstrong die Hände gen Himmel und lässt sie langsam wieder sinken. Er blickt den anderen hinterher, wie sie davonstapfen. Er war es gewohnt, allenfalls auf Rücken zu starren, die mit den gleichen Trikots bedeckt waren, wie er sie trug. Sie gehörten seinen Mannschaftskameraden, die für ihn das Tempo hoch hielten und dem Rest des Feldes die Luft aus den Lungen fuhren und die Beine zum Schmerzen brachten. Wenn es ins Finale ging, hatte er vor sich nur die Straße und die Fans, die begeistert schrien und ihm erst im letzten Moment einen Platz ließen, um durchzuschlüpfen und zum großen Sieg zu fahren.

Jetzt tanzen vor seinen Augen Dutzende, oft mehr als hundert jeweils anders gemusterte Rücken auf und ab. Hat er doch mal freies Gelände vor sich, dann nur, weil er eine der hinteren Gruppen anführt. Einmal versuchte er noch alles. Auf der Königsetappe der Tour de France ging er in eine Ausreißergruppe, leistete dort Führungsarbeit. Doch am Fuße des Tourmalet hatte das Hauptfeld ihn wieder eingeholt.

Das erweckt bei wenigen Mitleid, wie etwa dem Luxemburger Andy Schleck, der von Armstrongs Team Radioshack heftig umworben wird. Er sagt: „Es ist schade für ihn, dass es am Tourmalet nicht geklappt hat.“ Aber bei den meisten löst Armstrongs Auftritt Häme aus. „Nicht mal bis zum Start schafft er es sturzfrei“, spottete die französische Sportzeitung „L’Équipe“, als Armstrong noch vor dem Start zur 13. Etappe vom Rad gepurzelt war.

Armstrongs aktuelle Unfälle am Arbeitsplatz sind das deutlichste Zeichen für seinen Niedergang. Auf der zweiten Etappe geriet er in den Massensturz am Col du Stockeu. Gleich dreimal fiel er in den Alpen. Besonders heftig war sein zweiter Sturz auf der Etappe nach Morzine-Avoriaz. Seine Pedale verfingen sich in einem Kreisverkehr. Es war ein einfacher Fahrfehler. Aber einer mit schweren Folgen. Mit 65 Stundenkilometern krachte er auf den Asphalt. Er rutschte noch einige Meter weiter, bis die Reibung zwischen Textil und aufgerissenem Fleisch auf der einen und dem Straßenbelag auf der anderen Seite ihn zum Halten brachte. Und schließlich fiel er noch vor dem Start.

Armstrong wertet dies als eine Art ausgleichende Gerechtigkeit. „Sieben Jahre lang ist mir so gut wie nichts passiert, dafür bekomme ich das jetzt in aller Härte ab. Das ist das Leben“, sagte er. Bei seinen sieben Toursiegen hat er tatsächlich nur einmal auf den Acker fahren müssen, um dem schweren Sturz des Kollegen Joseba Belokis auszuweichen. Ein weiteres Mal riss ihn die Tasche eines Zuschauers um. Das war es schon an Pech.

Bei der Tour 2010 ist Armstrong allenfalls als Stichwortgeber und Kommentator der Ereignisse gefragt. Aus dem Status des rollenden Zeitzeugen tritt er nur noch bei zwei Gelegenheiten heraus: bei Nachfragen zu seinen Stürzen und zu den Dopingermittlungen in seiner Heimat.

Beide Fragen sind sogar miteinander verknüpft. Dass die Stürze durch schlechte Form ausgelöst wurden, ist eher unwahrscheinlich. „Physisch fühle ich mich besser als im letzten Jahr“, sagte Armstrong zu Beginn der Tour. Härter dürften ihm die Dopinganklagen von Floyd Landis zusetzen.

An exakt dem Tag im vergangenen Mai, an dem sein früherer US-Postal- Teamkollege verkündete, er sei von Armstrong zum Doping gebracht worden und wisse von mehreren weiteren US-Postal-Profis, die auch gedopt hätten, stürzte Armstrong bei der Kalifornienrundfahrt. Bedauert und gefeiert von den amerikanischen Fans, fing er sich wieder und versuchte, Landis zu diskreditieren. „Landis ist so glaubwürdig wie ein Karton saure Milch“, ätzte er. „Landis hat seine Wahrheit, wir haben unsere. Ich vertraue unserer Wahrheit“, sagt er auch.

Doch inzwischen glauben immer mehr Leute der Version des früheren Dopingleugners und disqualifizierten Toursiegers von 2006. Die US-amerikanische Staatsanwaltschaft hat ein Verfahren gegen Doping beim alten Armstrong-Team US Postal angestrengt. Der Ermittler Jeff Novitzky, der schon den Balco-Skandal der US-Sprinter um Marion Jones aufgedeckt hat, geht gegen ihn vor. Eine Grand Jury lädt immer neue Zeugen ein. Greg LeMond, US-amerikanischer Toursieger der Jahre 1986, 1989 und 1990, der nach anfänglicher Freundschaft inzwischen mit Armstrong verfeindet ist, kündigt öffentlich an, dass Ex-Kollegen wie Tyler Hamilton (er fuhr in den Jahren 1999 bis 2001 bei US Postal) gegen Armstrong aussagen würden. An dem Tag, an dem bekannt wurde, dass LeMond sich vor der Grand Jury äußern will, stürzte Armstrong dann gleich dreimal.

Das Nervenkostüm wird dünner. Die Anklagen setzen ihm zu. Es handelt sich um härtere Schläge, als sich nur eingestehen zu müssen, sportlich nicht mehr mithalten zu können. Das Verfahren in den USA rüttelt an den Fundamenten seiner Existenz. „Wenn herauskommt, dass er seine Popularität dem Doping verdankt und der Erfolg seiner Krebsstiftung Livestrong auf diesem Betrug beruht, dann werden sich viele Unterstützer enttäuscht von ihm abwenden“, prognostiziert die „New York Times“. Es ist eine millionenschwere Stiftung, die laut Selbstauskunft seit ihrer Gründung im Jahr 1997 bereits 325 Millionen Dollar eingeworben hat.

Bis zu seiner Rückkehr zur Tour im Jahr 2009 war Armstrong der Protagonist einer wunderbaren Erfolgsgeschichte. Er besiegte nicht nur den Hodenkrebs. Er entstieg dem Krankenlager und gewann siebenmal eine der weltweit härtesten Ausdauerprüfungen. Er zeugte Kinder. Seine dritte Lebensgefährtin ist gerade wieder schwanger. Der geheilte Patient führte nun für andere den Kampf gegen den Krebs. Er katapultierte sich mit diesem Engagement in neue gesellschaftliche Höhen. Durch seine heftige und kurze Liaison mit der Sängerin Sheryl Crow fasste Armstrong auch Fuß in der Showbranche. Sein Jahreseinkommen schätzte das Forbes-Magazin 2005, dem Jahr seines ersten Rücktritts, auf 28 Millionen Dollar. Das Unterschichtskind aus Texas radelte mit dem US-Präsidenten George W. Bush, dem er politisch nahestand, durch die Prärie und schenkte dessen französischem Amtskollegen Nicolas Sarkozy ein schnelles Fahrrad zur sportlichen Ertüchtigung.

Sarkozy war diesmal sogar zum Tourmalet geeilt, um Armstrong seine Aufwartung zu machen. Er lobte ihn als „ein Beispiel für alle Kranken. Er hat siebenmal die Tour gewonnen. Jetzt ist er mit fast 39 Jahren bei der Tour de France. Er gibt allen große Hoffnung.“ Und er fügte hinzu: „Armstrong kann noch Präsident werden, ich aber nicht mehr Champion.“ So viel Wohlwollen von ganz oben kommt zur rechten Zeit für den abgestürzten Helden. Und dass er politische Ambitionen hegt, ist schon lange kein Geheimnis. Im Jahr 2014, hat er einmal angekündigt, wolle er Gouverneur von Texas werden. Mit solchen Plänen könnte es nun zu Ende sein.

Der Anfang vom Ende kam freilich schon früher, er lässt sich auf das Jahr 2008 datieren. Diese Tour de France der Nobodys wurde damals von Carlos Sastre gewonnen. Der Spanier war weder vorher noch danach so erfolgreich. Armstrong dachte sich, was die da geleistet haben, kann ich auch. Er trainierte härter. Er kam zurück. Doch ein junger Mann, der 2008 nicht bei der Tour gewesen war, weil sein Team Astana wegen zu vieler Dopingfälle geächtet wurde, erwies sich 2009 als stärker: Alberto Contador.

Lance Armstrong hatte sich verrechnet. Er hat sein Leistungsvermögen überschätzt. Weil er zurückgekommen ist, sah sich Floyd Landis zu seiner Doping- Anschuldigung bemüßigt. Und das könnte das Ende werden des Zauberers aus Austin, der die Geschichte ein weiteres Mal herausfordern wollte.

5 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben