Sport : Land in Sicht

Der Trainer als Vorbild: Stamms Erfolge treiben Deutschlands Wasserballer an

Jennifer Witt

Berlin - Wenn er am Beckenrand das Spiel seiner Mannschaft verfolgt, wirkt Hagen Stamm entspannt. Er trinkt Wasser, lacht und gibt Kommandos. Jede gute Aktion seines Teams würdigt er mit Applaus. Für die deutsche Wasserballnationalmannschaft ist Stamm viel mehr als nur der Bundestrainer. Er gilt als Vorbild, als Visionär.

Zurzeit ist Stamm beim Weltliga Finale in Berlin zu beobachten. Gestern Abend traten er und sein Team im Halbfinale gegen Serbien an (das Spiel war erst nach Redaktionsschluss beendet).

Nachdem sich das deutsche Nationalteam im Jahre 2000 nicht für die Olympischen Spiele in Sydney qualifizieren konnte, war der sportliche Tiefpunkt der deutschen Wasserballer erreicht. Es war sehr schnell klar, dass Stamm als einziger Trainer in Frage kam, um das Team wieder nach vorne zu bringen. Für ihn selbst war es eine Herzensangelegenheit, den Wasserballsport wieder aufzubauen. Mit der verpassten Qualifikation ging auch ein finanzieller Engpass des Deutschen Wasserballverbandes einher. Hagen Stamm stellte sich noch im selben Jahr ohne längere Überlegungen als Bundestrainer zur Verfügung. Mit ihm reifte ein neues Team heran. Stamm schaffte es, vor allem die jungen Spieler von seinem Elan zu überzeugen, sie mitzureißen. Die Mannschaft hat großen Respekt, denn er hat vieles erreicht, wovon seine Sportler bisher nur träumen können.

Der 47-Jährige kann auf eine erfolgreiche Karriere zurückblicken. Dazu gehört die Teilnahme an drei Olympischen Spielen mit dem Bronze-Medaillengewinn in Los Angeles 1984 und der Sieg bei zwei Europameisterschaften. Hagen Stamm wurde in die Weltauswahl berufen. Kein Wunder, dass gerade er das deutsche Team auf die Spuren seines eigenen Erfolgs schicken sollte. Doch dabei setzt er sich jetzt selbst unter Druck: „Wenn ich es nicht schaffe, die Mannschaft auf den richtigen Weg zu bringen“, erklärt der Bundestrainer, „kann ich die Gelder für die neue Generation nicht sichern.“ Er fügt hinzu: „Dann bin ich der falsche für den Job.“

Doch erste Erfolge zeigen, dass sich die Arbeit des selbständigen Fahrrad-Großhändlers, der einmal Sportwissenschaft studiert hat, auszahlt. Zumindest können sich die Deutschen seit einigen Tagen in Berlin mit den besten acht Mannschaften der Welt messen. Den fünften Platz bei den Olympischen Spielen in Athen 2004 nicht zu vergessen. Für weitere Erfolge bleibt der Trainer aber realistisch: „Wir müssen über uns hinaus wachsen“, sagt er, „aber warum sollen wir nicht das Unmögliche möglich machen?“ Seinen Spielern versucht er, die eigenen Ideale Tag für Tag beim Training mitzugeben. Dabei macht er sich das Schicksal der Mannschaft zu seiner persönlichen Aufgabe. Es seien „Klassejungs, die es verdienen ganz nach vorne zu kommen“, ist Stamm überzeugt. Doch obwohl er sich selbst so unter Druck setzt, erscheint er nach außen stets gelassen: „Wir haben zwar unser Soll erfüllt, möchten nun aber viel mehr“, erklärt Stamm. Er, der mit 323 Länderspielen als einer der besten deutschen Wasserballer aller Zeiten gilt, war gekommen, um die Mannschaft auf seine Spuren zu schicken. Doch seine eigene Leistung zu erreichen wird eine fast unlösbare Aufgabe. Er könnte an seinen persönlichen Ansprüchen scheitern. Stamm behält trotzdem stets ein Lächeln im Gesicht, für die Mannschaft, für die Zuschauer.

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