Sport : Land unter Schock

Griechenland bangt um seine Leichtathletik-Ikonen: Haben Kostas Kenteris und Ekaterini Thanou gedopt?

Frank Bachner[Athen]

Irgendwann in der Nacht zum Freitag soll das Hinterrad des Motorrads weggerutscht und Fahrer und Beifahrerin auf eine Straße in Athen gestürzt sein. Die erlittenen Verletzungen seien nicht lebensgefährdend, aber doch so schwer, dass die beiden mit einem Krankenwagen ins KAT-Krankenhaus im Ortsteil Kisisissia transportiert wurden. Damit hätte die bisher spektakulärste Olympia-Geschichte ihren zweiten Höhepunkt gefunden. Denn der Motorradfahrer hieß Konstantin Kenteris. Es gibt keinen populäreren Leichtathleten in Griechenland als ihn. Er holte vor vier Jahren Olympiagold über 200 Meter in Sydney, wurde 2001 Weltmeister und 2002 Europameister über 200 Meter. Seine verletzte Beifahrerin ist kaum weniger prominent. Ekaterini Thanou sprintete in Sydney zur Silbermedaille über 100 Meter.

Kenteris habe ein Schleudertrauma und Beinverletzungen erlitten, Thanou sei an der Hüfte und am rechten Oberschenkel verletzt worden, meldete das Krankenhaus, beide müssen bis zum Sonntag im Krankenhaus bleiben. In einem Polizeibericht ist der Zwischenfall jedoch nicht aufgetaucht. Der Motorrad-Unfall ist nur ein Grund dafür, dass griechische Fernsehteams seit Freitag Stellung vor dem KAT-Krankenhaus bezogen haben, dass schon frühmorgens auf allen Kanälen über das Duo berichtet wurde und die Titelseiten der griechischen Boulevardblätter mit den Köpfen der Athleten bedeckt sind. Es geht um viel mehr. Es geht um die Frage: Stürzt ein Sport-Idol? Stürzt Konstantin Kenteris über eine Dopingaffäre? Und Thanou gleich mit? Kenteris war immerhin ein Kandidat für das Entzünden des olympischen Feuers.

Kenteris und Thanou sollten am späten Donnerstagabend eine Dopingprobe abgeben, was sie nicht taten. Jetzt prüfen die Juristen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), ob dies als eine Verweigerung der Dopingprobe zu werten ist. Das würde zwei Jahre Sperre für Kenteris und Thanou bedeuten. Das griechische Nationale Olympische Komitee hat sein Exekutivkomitee heute zu einer Dringlichkeitssitzung einberufen.

Um 18.15 Uhr am Donnerstag hatte Yannis Papadoyannakis, der Chef de Mission der griechischen Olympiamannschaft, von der Medizinischen Kommission des IOC erfahren, dass Kenteris und Thanou eine Dopingprobe abgeben müssten. Papadoyannakis hatte, sagt er, die beiden jedoch nicht im Olympischen Dorf gefunden. IOC-Präsident Jacques Rogge sagte am Freitag, das Duo sei auch nicht nachträglich getestet worden: „Es gab keine Kontrollen.“ Wie der Vorsitzende der Medizinischen Kommission des IOC, Arne Ljungqvist, erklärte, hatten Dopingkontrolleure bereits ein paar Tage zuvor versucht, Kenteris und Thanou in Chicago zu testen. „Sie waren nicht an der angegebenen Adresse“, sagte der Schwede.

Am Montag wird die Disziplinarkommission des IOC unter dem Vorsitz des Deutschen Thomas Bach zu klären haben, ob Kenteris und Thanou den Dopingtest versäumten, weil sie nicht informiert waren, oder ob eine vorsätzliche Verweigerung vorliegt. Das Gremium, dem auch der Schweizer Denis Oswald und der ehemalige Stabhochspringer Sergej Bubka angehören, wird eine Empfehlung an die Exekutive des IOC aussprechen, die dann ein Urteil verkündet.

Für die Griechen wäre ein gesperrter Kenteris eine emotionale Katastrophe. Die griechische Sportzeitung „Athlitiki“ titelte: „Schwarze Nacht – Betroffenheit in ganz Griechenland.“ Die Fans vergöttern diesen Sprinter. Sein Olympiasieg von Sydney versetzte sie in einen Rausch. Kenteris hatte die amerikanischen Stars geschlagen, ein Grieche, den eigentlich niemand beachtete. Die Griechen wählten ihn dafür dreimal in Folge zum Sportler des Jahres. Und eine Reederei taufte eine Fähre, die vom Festland zur Insel Lesbos fährt, „Kenteris“. Dort ist Kenteris zu Hause. Er lebt eigentlich nur dort. Er taucht sogar regelrecht ab. Kenteris gibt keine Interviews, er liefert den Boulevardzeitungen keinen Stoff, er macht kein PR-Training für Kinder. Die Fans vergöttern den Sportler Kenteris, an den Menschen kommen sie nicht heran.

Andere, Leichtathletik- und Doping-Experten, bewundern nicht einmal den Sportler Kenteris. Er taucht so gut wie nie bei Sportfesten auf, bei denen Dopingtests zum Pflichtprogramm gehören. Er ist selbst für Dopingkontrolleure schwer zu orten. Und seine Trainingspartnerin Thanou ist schon einmal 1997 in Dortmund vor einem Dopingkontrolleur geflohen. Kenteris steigerte seine Bestzeit zwischen 1999 und 2000 von 20,50 Sekunden auf 20,09, 2002 lief er schon 19,85. „Dieser Leistungssprung ist mit hartem Training allein kaum zu erklären“, sagt ein deutscher Sprinttrainer.

Kenteris zeigt sogar öffentlich, dass er nicht bloß auf das Ergebnis harten Trainings setzt. Bei der Siegerehrung von Sydney blickte er in den Himmel und murmelte, in Großaufnahme gut zu erkennen: „Ich danke dir, Gott.“

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