Sport : Landung im Suff

Die traurige Geschichte des Skispringers Matti Nykänen

Benedikt Voigt

Oberstdorf. In der Nacht zum Samstag erhielt der Buchautor Egon Theiner einen Anruf aus jenem Salzburger Hotel, in dem er Matti Nykänen einquartiert hatte. Er solle sofort kommen, sagte ein Hotelangestellter, er müsse Matti Nykänen abholen. Der viermalige Olympiasieger im Skispringen und eine seiner Ex-Frauen hatten zu viel getrunken, sie randalierten und schrien herum. Theiner fuhr zu dem Hotel und brachte den alkoholisierten Nykänen in eine andere Unterkunft.

Es war keine gute Idee von Egon Theiner, den erfolgreichsten aller Skispringer zur Vierschanzentournee zu holen, um Werbung für das gemeinsame Buch „Grüße aus der Hölle“ zu machen. So bekommt die Welt nun erneut vor Augen geführt, wie schlecht es um den 40 Jahre alten Finnen steht. Bei der Buchpräsentation sitzt der alkoholkranke Nykänen mit fleckigem und aufgedunsenem Gesicht auf dem Podium und beantwortet mühsam einige Fragen. Wenn er nach seinem Beruf gefragt wird, sagt er: „Ich bin Sänger“. Was das heißt, erlebten die Besucher des Tournee-Empfangs am Sonntagabend. Betrunken erklomm Nykänen die Bühne, spielte Luftgitarre und versuchte, zu seiner mitgebrachten Musik vom Band zu singen.

Seit seine Sportkarriere 1991 endete, löst in seinem Leben ein Skandal den anderen ab. 1998 strippte er in einem Kasino, im Februar 2003 saß er in Untersuchungshaft, weil er seine vierte Frau im Suff mit einem Messer verletzt hatte. Vier Scheidungen hat er hinter sich. Mit seiner vierten Frau zieht er inzwischen wieder herum. Längst ist ihm das Geld ausgegangen. Die Konstante in seinem Leben ist der Alkohol. Theiner, der ihn für die Arbeiten an seiner Biographie im vergangenen Jahr mehrfach in Finnland besuchte, spricht von einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). „Er hat eine Konzentrationsfähigkeit von 15 bis 20 Minuten“, sagt der Österreicher.

Sechs Wochen lang hat er ihn im Sommer in einem Alkohol-Rehabilitationszentrum besucht. „Als er aus dem Reha-Zentrum rauskam, hat er sich gleich am ersten Abend niedergeschüttet“, berichtet Theiner. Wenn er zu viel getrunken hat, wird Nykänen aggressiv. „Er wird dann wild wie ein Stier“, sagt Theiner, „aber er hat auch große Nehmerqualitäten.“ Nykänen bräuchte eine Person, die ihn dauerhaft betreut. „Er braucht ein Kindermädchen“, sagt Theiner. Immer wieder gab es jemanden, der sich um ihn kümmerte, doch irgendwann wurde es jedem zu viel. Und es gibt Menschen wie Kai Merilä. Der Journalist vom finnischen Boulevardblatt „Sieben Tage“ bezeichnet sich als Freund Nykänens. „Sie trinken und raufen zusammen“, sagt seine Frau Sari Merilä und erzählt eine Anekdote. „Heute früh kam Matti zu uns und sagte: Ich habe ja gar keine dunklen Ringe um die Augen – hatten wir gestern Abend Spaß?“ Kai und Sari Merilä lachen. Eigentlich müssten sie weinen.

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