Sport : Landung ohne Matte

Hochsprung-Weltmeister Martin Buß hat sich auf den Sport verlassen – jetzt steht er vor dem Nichts

Friedhard Teuffel

Berlin - Vor kurzem ist Martin Buß sehr traurig geworden wegen eines freundlich gemeinten Briefes. Der Deutsche Leichtathletik-Verband hatte ihm geschrieben und wollte wissen, welche Konfektionsgröße er trage. Es ging um Trikots, Hosen und Trainingsanzüge für die Olympischen Spiele in Athen. Doch Buß hat nicht geantwortet. Er fährt nicht nach Athen. Vielleicht wird er nie mehr ein Nationaltrikot anziehen, denn sein lädiertes linkes Knie hält den bisher einzigen deutschen Weltmeister im Hochsprung zurzeit vom Springen ab. Es könnte sogar sein, dass seine Karriere mit 28 Jahren schon zu Ende ist.

Gleich zweimal ist Buß in diesem Jahr auf die Wirklichkeit geprallt, und beides schmerzt Buß gleichermaßen. Den ersten Schlag versetzte ihm sein Körper. Das linke Knie des Weltmeisters von 2001 ist dreimal operiert worden. Von der letzten Operation im August des vergangenen Jahres hat es sich noch immer nicht ganz erholt, obwohl Buß viel versucht hat von Akupunktur bis zur Stoßwellentherapie. „Ich hatte schon einen Punkt erreicht, an dem ich sagen musste: Es bringt alles nichts mehr.“ Ins Trainingslager nach Südafrika ist der Berliner im Frühjahr gar nicht erst gefahren.

Den zweiten niederschmetternden Befund hat ihm in der vergangenen Woche ein Polizeiarzt überbracht. Er hat ihm mitgeteilt, dass seine Bewerbung um eine Ausbildung bei der brandenburgischen Polizei abgelehnt wurde. Denn seine Achillessehne sei nicht belastbar genug, wenn er sich schnell bewegen müsse. Seine Achillessehne war angerissen und ist wieder zusammengenäht worden. Seitdem ist die Sehne doppelt so dick. „Ich habe dem Arzt gesagt, dass ich mit dieser Achillessehne 2,36 Meter hoch gesprungen und Weltmeister geworden bin. Aber das hat ihn nicht überzeugen können.“ Deshalb sagt Buß nun: „Dann springe ich eben wieder. Ich greife noch einmal voll an. Was soll ich machen?“

Ein Problem hat er damit jedoch nur weiter aufgeschoben, denn was nach der Karriere kommen soll, weiß er nicht. Allmählich bekommt es Buß nun mit der Angst zu tun, es ist Existenzangst. Martin Buß hat eine Familie, die er ernähren muss. Seine Frau arbeitet nur einmal in der Woche bei einem Augenoptiker. Seine beiden Söhne sind jetzt vier und sechs Jahre alt. Buß hat keine Ausbildung, kein Studium, nicht einmal ein Praktikum hat er nach seinem Abitur gemacht oder ein paar Semester studiert, weil er sich ganz auf den Sport konzentriert hat. „Ich bin von 1994 bis 2001 jedes Jahr persönliche Bestleistung gesprungen. Wer denkt denn da, etwas anderes zu machen?“, sagt er. Und Weltmeister hätte er nach seiner Einschätzung nie werden können, wenn er noch nebenher gearbeitet hätte.

Buß fühlt sich, als hätte man ihm mitten im Sprung die Matte weggezogen. Er hat sich vergeblich umgeschaut nach Menschen, die ihn auffangen. Er dachte, es würde alles ganz leicht gehen mit dem Beruf, er ist doch schließlich Weltmeister. „Es war mein Irrtum, dass ich darauf vertraut habe, die Leute würden mir helfen. Bis auf wenige Ausnahmen ist das voll in die Hose gegangen.“ Er hat sich an die Sporthilfe gewandt, um Unterstützung zu bekommen. Die wurde abgelehnt. Nun zweifelt er am System: „Je besser man ist, desto mehr Sporthilfe bekommt man. Aber wenn man einmal weg ist vom Fenster, dann hilft einem keiner.“ Einen Vertrag mit seinem Verein Bayer Leverkusen hat er noch, der läuft noch bis zum 30. September dieses Jahres.

Buß, ein zurückhaltender, verträumt wirkender Mann, hat sich selbst lange nicht gekümmert. Erst der ablehnende Brief der Sporthilfe hat ihn aufgerüttelt und zum intensiven Planen gezwungen. Besonders flexibel ist Buß dabei nicht. Er wollte nicht aus Berlin wegziehen, aber dafür gleich ein ordentliches Gehalt bekommen. „Ich kann meine Familie nicht von 500 Euro Ausbildungslohn ernähren.“ Ein Angebot, seinen Traumberuf auszuüben, hatte er abgelehnt. Für eine Ausbildung zum Piloten hätte Buß für einen Berliner Verein starten müssen – doch er entschied sich für den besser dotierten Vertrag von Bayer Leverkusen.

Immerhin würde er heute länger überlegen bei der Frage, ob er alles noch einmal so machen würde. Die Antwort lässt er offen. Einerseits sagt er: „Den Weltmeistertitel kann mir keiner mehr nehmen.“ Er ist gereist, in vollbesetzten Stadien gesprungen. Von diesen Erinnerungen möchte er keine hergeben. Andererseits ist er enttäuscht von vielen Menschen, weil er geglaubt hat, er wäre Bestandteil eines großen Ganzen. „Ich habe doch für Deutschland Medaillen geholt“, sagt der Hochspringer. „Ein Olympiasieger aus Griechenland bekommt eine Stelle als Beamter auf Lebenszeit.“

Der Sport hat Buß verwöhnt, aber nur solange er Leistungen gezeigt hat. Er hat von ihm keine intensive Auseinandersetzung mit seinem Leben verlangt. Das Scheitern wollte Buß ausblenden, dieser Gedanke störte nur. So hat der Sport die Gutgläubigkeit des Athleten gefördert, nicht seine Mündigkeit. Er hat Buß wichtige Entscheidungen abgenommen und ihn hineingezogen in eine Scheinwelt, aus der er nun hinausgeworfen wird. Jetzt reift langsam die Erkenntnis: „Letzen Endes ist jeder für sich alleine verantwortlich.“

Vorwürfe mache er sich nicht, sagt Buß, aber: „Ich würde meinen Kindern raten, erst eine Ausbildung zu machen. Es kann so viel schief gehen.“ Gegen seine Existenzangst versucht sich Buß nun mit dem zu wehren, was er am besten kann: hochspringen. Er hofft, dass er doch noch auf die Füße fällt.

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