Lange-Interview : „Jetzt gehe ich ins Leben“

Bobfahrer André Lange über Siege, Abschiede und eine mögliche Zukunft als Trainer.

Herr Lange, wie bewusst ist Ihnen, dass der letzte Lauf im Viererbob das Ende Ihrer Karriere war?



Ich denke, die Sekunden, Minuten und Stunden der Wehmut werden noch kommen. Aber viel schöner kann man einen Abschied nicht gestalten. Diese Silbermedaille, die wir auf den allerletzten Drücker gemacht haben, ist großartig.

Wie haben Sie die letzten Momente erlebt?

Es war irgendwann das letzte Weltcup- Rennen, vor ein paar Tagen kam das letzte Zweier-Rennen, jetzt folgte das letzte Vierer-Rennen. Es ist nicht leicht, nach 17 wunderschönen Jahren aufzuhören. Ich weiß aber, dass es richtig ist. 2006 stand ich in Whistler und habe über die Baustelle geguckt und wusste, es ist der richtige Ort zum Aufhören. Das Leben beginnt jetzt, ich gehe aus einer rosaroten Sportlerwelt raus, gehe in das Leben rein. Das wird nicht weniger leicht.

In Ihrem Sport muss aber eigentlich mit 36 Jahren nicht Schluss sein, oder?

Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist. Schöner kann es nicht mehr sein. Ich habe acht Europameistertitel, acht Weltmeistertitel, zig Weltcupsiege, vier Goldmedaillen bei Olympia und eine silberne. Was soll ich noch erreichen? Es gibt körperlich irgendwann den Moment, in dem du sagen musst, es reicht. Es geht damit los, dass die Augen schwächer werden, der Geist ist nicht mehr der schnellste, die Hände funktionieren auch nicht mehr so. Es ist eine Rennsportart – und bevor etwas passiert, höre ich auf.

Kehren Sie als Trainer an die Bahn zurück?

Das kann passieren. Es hat aber bisher noch gar keine Gespräche darüber gegeben, was der Verband in naher oder ferner Zukunft mit mir vorhat. Wenn der Kopf wieder ein bisschen freier ist, werden wir über diese Dinge reden.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie im Ziel aus dem Bob rausgeklettert sind?

Ich habe einfach alles plumpsen lassen und musste erst mal tief Luft holen. Dann kamen diese Emotionen – bis man realisiert, dass es wirklich das letzte Mal war.

Im zweiten Lauf wären Sie fast gestürzt.

Mein Helm hat schon gekratzt am Eis. Aber wir haben’s hingekriegt. Die Jungs haben sehr gut reagiert und sich auf die linke Seite geschmissen. Ich habe an der Lenkung gezerrt, dass der Bob wieder rumfällt. Wenn du dann immer noch auf Medaillenkurs bist, ist es gut.

Ein Langläufer müsste abtrainieren, wenn er aufhört. Wie ist das bei Ihnen?

Ich sollte mir als Erstes ein ganz kleines Auto kaufen oder am besten eins zum Treten, weil – einmal dabei, immer dabei. Du verlierst irgendwann die Relation für Geschwindigkeit. Wenn ich mit 120 über die Landstraße fahre, habe ich das Gefühl, ich könnte mal schnell aussteigen. Abtrainieren muss ich auch, aber zum Glück nicht so viel wie ein Langläufer.

Wie schwer fällt der Abschied von Ihrer Truppe?

Schon schwer. Ich hatte das große Glück, mit den Besten der Welt zusammenarbeiten zu dürfen. Sie haben mich Chef sein lassen. Ich habe sie selbstständig sein lassen. Da hat einfach jedes Rad ineinander- gearbeitet. Ich hatte auch die Zeit für mich, mal abzuschalten. Diese kleinen Dinge sind ganz wichtig, wenn man ein halbes Jahr aufeinanderhängt.

Welche Pläne haben Sie für die nächste Woche?

Ich habe wirklich nur bis hier geplant. Heimfliegen muss ich, in München sind wir noch. Das weiß ich, ansonsten gibt’s noch gar nichts.


Interview: Gregor Derichs

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