Sport : Langsam abgetaucht

Weltmeisterin Hannah Stockbauer verpasst in Athen überraschend das Finale über 400 m Freistil – und ist völlig ratlos

Frank Bachner[Athen]

Sie kämpfte mit sich. Das zeigten die zuckenden Gesichtsmuskeln. Aber Hannah Stockbauer ist keine Maschine, sie ist ein ziemlich sensibler Mensch. Sie konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Die Reporter, die am Pool von Athen jede Regung von ihr beobachteten, ließen sie ein paar Sekunden in Ruhe. Erst dann sollte sie das eigentlich Unfassbare aufklären. Aber Hannah Stockbauer konnte nichts erklären. „Ich habe keine Begründung“, stammelte sie. Sie hatte nur Zahlen, nackte, nüchterne, niederschmetternde Zahlen. 4:10,46 Minuten hatte sie als Erklärung. Und: Platz zwölf.

Hinter den Zahlen aber steckt ein Drama. Hannah Stockbauer hatte das Finale über 400 m Freistil verpasst. Als Zwölfte ihres Vorlaufs. Mit einer Zeit, die fast vier Sekunden über ihrer persönlichen Bestzeit liegt. Raus, die 400-m-Freistil-Weltmeisterin von 2003 musste das Finale, das Laure Manaudou (Frankreich) in 4:05,34 Minuten gewann, als Zuschauerin beobachten. Ausgerechnet Stockbauer, die große Medaillenhoffnung der Deutschen. Die fünfmalige Weltmeisterin. Die Frau, die bei der WM 2003 über 400 m, 800 m und 1500 m gewonnen hatte.

Und das Schlimmste für sie war: Sie konnte sich nicht an Gründe klammern, die ihr dieses Scheitern hätten nachvollziehbarer machen können. Ralf Beckmann, der Chef-Bundestrainer der deutschen Schwimmer sagt: „Es gibt keine sportlichen Gründe für dieses Ergebnis.“ Roland Böller, der Heimtrainer, sagt: „Ich bin ratlos. Im Training ist sie eine Bestzeit nach der anderen geschwommen.“ Stockbauer, Tränen auf den Wangen, sagt: „Es ist bedrückend, für mich bricht eine kleine Welt zusammen.“

Als sie aus dem Wasser stieg, ganz langsam, in Zeitlupe fast, da war sie erschüttert. Die ersten 200 m war sie geschwommen, als hätte sie sich selber einschläfern wollen. Sie folgte keiner kühlen Taktik, wie Franziska van Almsick 1994 bei der Weltmeisterschaft in Rom. Die wollte Achte im Vorlauf werden, damit sie auf der Außenbahn schwimmen durfte. Ein Poker. Er ging schief. Aber van Almsick profitierte davon, dass die qualifizierte Dagmar Hase ihren Startplatz abgab. Hannah Stockbauer konnte nicht groß taktieren. 4:09 Minuten musste sie bieten, sonst wäre der Finalplatz in Gefahr. Aber 4:09 Minuten sind kein Problem für die 22-Jährige, auch nicht am Morgen, auch nicht bei brütender Hitze. Bei den deutschen Meisterschaften 2004 in Berlin schwamm sie 4:09 Minuten, obwohl sie leichtes Übergewicht hatte. In Athen hätte sie schneller als 4:09,10 Minuten schwimmen müssen. Mit dieser Zeit rückte die Japanerin Sachiko Yamada als Achte ins Finale.

Natürlich blickten die Reporter auf Stockbauers Figur, verstohlen oder ganz offen. Ihr Gewicht war ja ein großes Thema bei den deutschen Meisterschaften. „Hannah Stockbauer hat nicht ihr Idealgewicht“, hatte Beckmann öffentlich erklärt. Das klang harmlos, aber Beckmann wusste, dass er damit enormen Druck ausübte. Die Medien stiegen darauf ein. So eine Debatte kann brutal sein, mehr für die Frau als für die Sportlerin Stockbauer. Aber Beckmann hatte sein Ziel erreicht. Stockbauer ist schlank und austrainiert in Athen. Sie hat 3000 Kilometer im Wasser hinter sich bei ihrer Olympiavorbereitung.

Stockbauer hatte auch ihre PR-Termine eingeschränkt. Sie stören die Olympia-Vorbereitung nicht, sagte Roland Böller, der Trainer. Das war schon mal anders. Vor zwei Jahren nahm Stockbauer an PR-Auftritten mit, was sie bekommen konnte. Zwei Titel bei der WM 2001 hatten sie zur kurzzeitigen PR-und Medienfigur aufgewertet. Die Sportlerin Stockbauer trat dahinter zurück, trotz der Proteste des Trainers. Bei der EM 2002 versank sie dann mit einer Bronzemedaille und Platz sieben in ihren Einzelrennen im Schatten von Franziska van Almsick. Aber das sind Fehler der Vergangenheit.

Irgendwann flüchtete sich Hannah Stockbauer gestern in den Trotz. Sie hatte ja sonst nichts mehr in diesem Moment. „Jetzt will ich es über 800 m erst recht wissen“, platzte es aus ihr heraus. Die 800 m sind am Freitag, Zeit genug, um sich regenerieren. Das ist aber auch Zeit genug, um von dem medialen Strudel mitgerissen zu werden, in den die deutschen Schwimmer allmählich geraten. Sie gelten ja in Boulevardzeitungen schon als Versager. Kommen noch mehr Misserfolge, dann wird der Druck auf alle stärker. Und auf Stockbauer sowieso.

Eine dritte Chance auf einer Einzelstrecke erhält sie nicht. Die 1500 m der Frauen sind nicht olympisch.

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