Sport : Langsam aufwärts

Mit dem 2:2 in Bochum scheint der Berliner Bundesligist Hertha BSC seinen Tiefpunkt überwunden zu haben

Michael Rosentritt

Bochum. Das aufreibende Fußballspiel war gerade zu Ende gespielt, da hatte Dieter Hoeneß seinen Kopf schon wieder frei. Direkt hinter einer Plexiglasscheibe, die Zuschauer und Fußballer im engen Bochumer Ruhrstadion trennt, hatte der Manager von Hertha BSC einen Rollstuhlfahrer erblickt. Sofort griff Hoeneß sich den nächstbesten Spieler seiner Mannschaft. Es war Alexandar Mladenow, der anzutanzen und sein gelbes Auswärtstrikot auszuziehen hatte. Hoeneß machte sich lang, überwand mit einem Arm die Trennwand und machte einen Menschen glücklicher. Eine kleine Geste, die in die angespannte Großwetterlage des Vereins gar nicht passen will.

Hertha war angeschlagen nach Bochum gereist und steht nach dem 2:2 beim VfL nicht viel besser da. Die Berliner warten als einziges Bundesligateam auf den ersten Sieg. „Keine Frage, für uns ist die Situation sehr schwierig, aber ich habe einen leichten Aufwärtstrend gesehen“, sagte Hoeneß. Trainer Huub Stevens sprach gar von einer deutlichen Leistungssteigerung seiner Mannschaft. „Im Vergleich zur letzten Woche, wo die Jungens richtig angeknackst waren, haben wir heute einen großen Schritt nach vorn gemacht“, sagte der Niederländer, der zuletzt in die Kritik geraten war. Die Spieler waren sich zum Teil uneins, das Unentschieden einzuordnen. Der zweifache Torschütze Andreas Neuendorf etwa war „ziemlich enttäuscht“. Zwei auswärts erzielte Tore, die jeweils die Führung bedeuteten, „müssen eigentlich ausreichen, um zu gewinnen“. Sein Mitspieler Niko Kovac fand sogar, dass Bochum nach dem zweiten Ausgleichstreffer „das bessere Team“ gewesen sei. Der Kroate umschrieb die Situation so: „Wir rennen immer noch dem ersten Sieg hinterher. Dabei kommen die Topadressen der Liga noch.“

Hertha hatte in Bochum einen guten Start erwischt. Die Berliner waren früh in Führung gegangen und dominierten das Spiel. Anders als noch in der Vorwoche bei der 2:3-Heimniederlage gegen Hannover waren sie nach dem Ausgleichstreffer nicht eingebrochen, sondern behielten weiterhin die Oberhand. „Die Laufbereitschaft meiner Mannschaft hat mir imponiert“, sagte Trainer Stevens, aber „mit der Chancenauswertung kann ich nicht zufrieden sein.“ Ein bekanntes Problem. Hertha hatte sich in Bochum zehn gute bis sehr gute Einschussmöglichkeiten herausgespielt. Doch weder Bart Goor noch Fredi Bobic (je zweimal), Alexandar Mladenow oder Niko Kovac konnten ihre Chancen nutzen. Hertha musste sogar nach Abstimmungsschwierigkeiten bei einer gegnerischen Ecke den erneuten Ausgleich hinnehmen. „Wenn du oben in der Tabelle stehst, passieren dir solche Sachen nicht“, sagte Dick van Burik. „Bei unserer Kopfballkraft in der Defensive darf ein Eckball im Strafraum nicht auftippen.“ Angesprochen fühlen durften sich die beiden Verteidiger Josip Simunic und Alexander Madlung, die beide knapp zwei Meter groß sind und im Luftkampf zu den Besten der Liga zählen. Eine Unkonzentriertheit ist eine zu viel.

Man habe zwei Punkte verschenkt, „aber wir haben teilweise wieder Spaß am Fußballspielen gehabt“, sagte van Burik. „Spielerisch war das eine Verbesserung. Wir haben Spielzüge drin gehabt, die gut ausgesehen haben.“ Der Mannschaftskapitän sprach von „Fortschritten, die in unserer Situation ganz wichtig für uns sind“. So ähnlich hielt es auch Manager Hoeneß. Es sei phasenweise ordentlich kombiniert worden, ein paar Sachen hätten schon wieder richtig gut funktioniert. „Natürlich kann das Spiel auf das nackte Ergebnis reduziert werden, aber ich orientiere mich an den Fortschritten“, sagte Hoeneß. Nur so könne sich jeder Spieler wieder Vertrauen in sein eigenes Potenzial erwerben und zuversichtlicher werden.

Hertha empfängt am Mittwoch im Uefa- Cup Groclin Grodzisk aus Polen, am Sonntag kommt der Hamburger SV ins Olympiastadion. „Es müssen jetzt zwei Heimsiege her, nur dann wird es etwas ruhiger“, sagte Manager Hoeneß. „Wir müssen konzentriert und vernünftig weiterarbeiten. Die Köpfe müssen frei werden. Ein Patentrezept dafür gibt es nicht.“

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