Sport : Langsam unten reintrudeln

Borussia Dortmund entfernt sich von den Saisonzielen – Trainer Matthias Sammer reagiert auf die Misere nicht immer souverän

Richard Leipold

Dortmund. Matthias Sammer gilt bei Borussia Dortmund weiterhin als sakrosankt. Dennoch ist der kontinuierliche Abwärtstrend der vergangenen Wochen und Monate nicht spurlos am Cheftrainer des BVB vorübergegangen. Nach der 1:2-Niederlage am Sonntag in Mönchengladbach führte er allerlei Gründe an für den Niedergang, der so weit führt, dass selbst der VfL Bochum als neuer Tabellenfünfter an den Borussen vorbeigezogen ist: Schiedsrichter Steinborn habe den Gladbachern unmittelbar vor Asanins Siegtor einen Freistoß geschenkt, Kehl habe den Flankengeber Korzynietz vor dem ersten Gladbacher Tor nicht energisch genug angegriffen, ein Klassespieler wie Rosicky müsse in prekärer Situation „auch mal das 2:1 machen“ und so weiter und so weiter.

All diese Punkte mögen zutreffen, aber Sammer beschränkt sich von Spiel zu Spiel darauf, die konkreten Gründe für das Scheitern aufzuzählen. Auf eine grundsätzliche Diskussion lässt er sich nicht ein, offenbar aus Furcht, die wenigen gesunden Spieler, die ihm noch bleiben, zu vergrätzen, oder die Jungen, auf die er wegen einer langen Verletzungsserie angewiesen ist. Wenn Sammer einen Profi wie Rosicky angegriffen hat, rudert er sogleich zurück. „Ich will Rosi nicht kritisieren, aber er muss seine Verantwortung kennen und die Dinger in Zukunft reinmachen. Wenn er damit nicht umgehen kann, dann wird es problematisch.“

Zwölf Punkte Rückstand auf Tabellenführer Werder Bremen, acht auf den Dritten Bayer Leverkusen: Die als Minimalziel ausgegebene Qualifikation für die Champions League gerät allmählich aus dem Blickfeld. Die Geschäftsführung der börsennotierten Borussia weigert sich noch, eine Gewinnwarnung für das Kerngeschäft Fußball auszusprechen. Dafür warnt Matthias Sammer: „Noch sind wir nicht im Abstiegskampf“, aber diese Es-wird-schon-wieder-Mentalität sei gefährlich. „Eine gewisse Nervosität ist angebracht, unsere Situation ist extrem“, sagt Sammer. Der Dortmunder Trainer entdeckt sogar Parallelen zu den Mitbewerbern aus der gefährdeten und für den BVB verbotenen Zone. „Dass eine Mannschaft ständig in der Schlussphase die Punkte verschenkt, ist ein Markenzeichen von Klubs, die so langsam unten reintrudeln.“

So fest die Verantwortlichen, allen voran Präsident Gerd Niebaum, zu Sammer stehen mögen: Fünf Bundesligarunden nacheinander ohne Sieg und das Scheitern im Europacup sowie im nationalen Pokal verleiten den zu schrulligen Verhaltensweisen neigenden Trainer zu absonderlichen Erklärungen. Trotz der Beschlusslage, das Verletzungspech nicht länger zu thematisieren, wies er in Mönchengladbach auf das Fehlen angeblich unersetzlicher Profis hin. „Uns haben wieder neun Schlüsselspieler in der Defensive gefehlt“, sagte Sammer Neun Defensivkräfte von herausragender Bedeutung, kann das wirklich sein? Sammer scheint seine eigene Defensivhaltung auf die Mannschaft zu projizieren. Dabei zieht er sich zuweilen arg weit zurück.

Nach der fast programmierbaren Niederlage in Mönchengladbach begegnete Sammer dem sportlichen Elend zunächst pingelig. Als Bernd Korzynietz den Torschützen Sladan Asanin in der 84. Minute mit einem Freistoß in Szene setzte, lag der Ball nicht genau an jener Stelle, wo Torwart Weidenfeller zuvor das vermeintliche Foul begangen hatte, sondern „zehn Meter weiter vorn“. Er habe den zuständigen Schiedsrichterassistenten darauf aufmerksam gemacht, sagte Sammer, „aber der war wohl schon im Weihnachtsurlaub“.

Auswärts ist der BVB so schwach wie seit 20 Jahren nicht, im Moment setzen die Dortmunder auf ihre Stärke im heimischen Westfalenstadion, in dem sie am Mittwoch den 1. FC Kaiserslautern zum letzten Spiel des Jahres empfangen. Außerdem glauben die Borussen die Tücken der aktuellen Situation zu kennen. Vor knapp vier Jahren war die Lage ähnlich schlecht. Auch damals hofften die Borussen auf eine Wende nach der Winterpause – und rutschten im neuen Jahr dann immer weiter in die Misere. Michael Skibbe wurde entlassen, und nach dem erfolglosen Intermezzo mit Bernd Krauss als Trainer gelang Sammer damals gemeinsam mit dem reaktivierten Rentner Udo Lattek die Rettung der Borussen vor dem Abstieg.

So weit ist es am Ende des Jahres 2003 noch nicht. Doch Matthias Sammer blickt düster-dramatisch in die Zukunft. „Wir müssen höllisch aufpassen. Es ist noch nicht lange her, dass der BVB in den Abstiegsstrudel geraten ist.“

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