Sport : Langsamer Abgang

Marcelinhos Verkauf stellt Hertha vor Probleme

Stefan Hermanns

Berlin - Dieter Hoeneß ist nicht besonders glücklich über die Demokratisierung seines Berufes. Heutzutage kann jeder Fußballmanager sein, wenn auch nur in der virtuellen Realität. Kicker-Managerspiel heißt die Erfindung der gleichnamigen Fußballzeitschrift, in dem die Teilnehmer via Internet eine fiktive Mannschaft zusammenkaufen können. Mit der Wirklichkeit, wie Dieter Hoeneß, der Manager von Hertha BSC, sie erlebt, hat das wenig zu tun. „Ich glaube, zu viele spielen das Kicker-Managerspiel“, sagte er gestern. Die Anbahnung und Abwicklung eines Transfers ist viel komplizierter als in der Scheinwelt des Computers. „Im Kicker-Managerspiel ist das relativ einfach“, sagt Hoeneß. „Da drückst du einen Kopf, und dann ist der Spieler verkauft.“

Bei Marcelinho, dem Mittelfeldspieler des Berliner Bundesligisten, stellt sich die Situation schwieriger dar. „Wir sind in Gesprächen“, sagt Hoeneß. „Aber das kann noch eine Weile dauern. Wir sind ja nicht seit Wochen darauf vorbereitet. Die Situation ist über Nacht entstanden – durch Marcelinhos Verhalten.“ Und es ist nicht einmal gesagt, dass die Bemühungen am Ende überhaupt zu einem Ergebnis führen. „Marcelinho hat bei uns einen Vertrag“, sagt Herthas Manager. Damit das Arbeitsverhältnis bereits ein Jahr vor der Zeit beendet wird, müsse eine Lösung gefunden werden, die für alle Seiten passe: für Hertha, für Marcelinho und für dessen neuen Verein. Für die Berliner bedeutet dies, dass sie eine angemessene Ablöse erzielen wollen. „Wir werden nicht jeden Preis akzeptieren“, sagt Hoeneß.

Herthas Manager und Marcelinhos Berater sondieren gerade den Markt, trennen wirkliche von angeblichen Angeboten. Marcelinho selbst sagt: „Ich weiß nichts.“ Solange keine Entscheidung gefallen ist, trainiert er mit seinen Kollegen, als hätte es seine verspätete Rückkehr aus dem Urlaub nie gegeben. Marcelinho wird auch heute mit zum Freundschaftsspiel beim FC St. Pauli fahren, vielleicht sogar spielen. Herthas Trainer Falko Götz erlebt den Brasilianer in diesen Tagen beim Training „ruhig und sehr engagiert, er verhält sich, rein sportlich, professionell“. Trotzdem deutet immer mehr darauf hin, dass Hertha und Marcelinho keine gemeinsame Zukunft haben.

Ganz anders sieht es bei dem kroatischen Stürmer Srdjan Lakic aus, der im Trainingslager in Österreich bei Hertha vorgespielt hat. Der 22-Jährige vom kroatischen Erstligisten Kamen Ingrad Velika hat gestern erfolgreich die sportärztliche Untersuchung in Berlin hinter sich gebracht. „Es sind noch ein paar formale Dinge zu klären“, sagt Hoeneß. Götz lobt Lakic als schnellen, körperlich starken Stürmer, „der weiß, wo das Tor steht“. In der vergangenen Saison hat er für seinen Klub 14 Treffer erzielt. Doch auch der Kroate ist mit seinen 22 Jahren eher ein Perspektivspieler. „Es wäre falsch, ihn gleich als gesetzt zu sehen“, sagt Hoeneß. Der Verein sucht weiterhin einen gestandenen Stürmer. Ob die Suche zu einem erfolgreichen Ende gebracht werden kann, hängt jedoch maßgeblich von jemandem ab, der für Herthas Zukunft eigentlich keine Rolle mehr spielen soll. „Bleibt Marcelinho, kommt kein neuer Stürmer mehr“, sagt Hoeneß.

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