Sport : Langsamer als sein Ehrgeiz

Istaf-Star Greene ist nicht mehr der Schnellste – aber sein Trainer glaubt an ihn

Frank Bachner

Berlin. Maurice Greene trug ein riesiges Kreuz an einer protzigen Silberkette überm roten T-Shirt. Das sah affig aus, aber es passt natürlich zu einem Typen, der sagt, er sei „der schnellste Sprinter, den es je gab“. So ist halt Greene, der Mann aus Kansas City. Er ist zweimaliger Olympiasieger und fünfmaliger Weltmeister, er hielt mal den 100-m-Weltrekord, er geht nicht, er tänzelt betont lässig. Er ist ein ganz cooler Siegertyp. Normalerweise. Aber jetzt nicht. Nicht hier, am Freitag vor dem Brandenburger Tor bei diesem PR-Termin fürs Istaf (Sonntag, 14 Uhr, Jahn-Sportpark). Natürlich sagt er wieder, dass er der beste Sprinter aller Zeiten ist, aber er sagt es seltsam emotionslos. Und er hat dabei die Hände hinter dem Rücken verschränkt. So stehen keine Siegertypen da, die an sich glauben.

Greene ist kein strahlender Sieger in dieser Saison. Er lief in Rom nur 10,09 Sekunden, er wurde Dritter, das passt nicht zu seiner Rolle. Greene lebt von dieser extremen Ausstrahlung, die andere einschüchtern soll. Aber jetzt zögert er, beim Istaf gegen Tim Montgomery, den Weltrekordler, im 100-m-Einzel-Rennen anzutreten. Montgomery ist am Mittwoch in Stockholm nur 10,37 Sekunden gelaufen, er ist eigentlich ein dankbares Opfer für eine Demütigung kurz vor der WM. Normalerweise würde Greene diese Chance nützen. Aber er ist selber nicht in Bestform, möglicherweise hat er schlicht Angst vor einer Niederlage. „Maurice ist dabei, wieder zu sich zu finden“, sagt John Smith, sein Trainer. Die Gründe für die Formkrise nennt er nicht. „Aber 2003 ist für ihn eine besondere Herausforderung.“

Und damit für ihn, für John Smith, den Startrainer, den Mann, den viele in der Szene wie einen Guru verehren. Der Mann, der Greene erst zu dem gemacht hat, was er jetzt ist. „Ich möchte sehen, wie sich meine Jungs zu Siegertypen entwickeln. Deshalb bin ich Trainer“, sagt Smith. Er trainiert auch Ato Boldon und Jon Drummond, Top-Sprinter, aber Greene ist etwas Besonderes. Greene hat diesen extremen Ehrgeiz, den Smith verlangt. Und Greene sagt: „John ist alles für mich.“

1996 ging er zu dem großen Smith, der schon Olympiasieger und Weltmeister geformt hatte. Greene war ein Talent, aber verunsichert. „Ich möchte der schnellste Mann der Welt werden“, sagte Greene. „Okay“, antwortete Smith. „Bist du bereit, alles zu tun, was ich sage?“ – „Ja.“ Aber dann saß Greene 1997 bei den US-Meisterschaften in seinem Hotelzimmer. Er war deprimiert, eine Woche zuvor waren eine Tante und ein Großvater von ihm gestorben. Smith nahm ihn in den Arm und sagte: „Jetzt musst du die Kraft in dir selber finden. Du hast es drauf, schnell zu rennen. Mach es. Und wenn du deine Zeit siehst, tue so, als hättest du sie erwartet.“ Am nächsten Tag rannte Greene 9,96 Sekunden. Zwölf Hundertstelsekunden unter seiner Bestzeit. Kurz darauf gewann er seinen ersten US-Titel, in 9,90 Sekunden. „John kann unglaublich motivieren“, sagt Greene.

Smith hat diesen Pioniergeist. Jeden Tag geht er ins Training, als wäre es sein erster Tag als Coach. Und er predigt wie ein Missionar, dass allein die Einstellung zur Leistung alles entscheidet. Greene denkt ähnlich. Er ist ein Großmaul, aber er ordnet seinem Ziel alles unter. Einmal schlief er nach einer extrem harten Trainingseinheit zwei Stunden lang auf dem Sportplatz. Alle sahen ihn, es war ihm egal. „Siehst du, deshalb bist du ein Topstar. Du machst dir keine Gedanken um Kleinkram“, sagte Smith.

Aber jetzt macht sich Greene erkennbar Gedanken. Es geht nicht um Kleinkram. Er war mal der schnellste Mann der Welt. Er ist es nicht mehr. Warum? Smith kann oder will es nicht genau sagen. Aber er weiß, dass Greene jetzt unbedingt Weltmeister werden will. Der pure Ehrgeiz treibt ihn. Aber Smith setzt auch darauf, dass sich Greene an dieses Bild bei diesem Footballspiel erinnert. Damals war Greene der Top-Star der Szene, und er war mit Smith im Stadion. Plötzlich wird Greene entdeckt. Der Stadionsprecher bittet ihn aufs Feld. Dann steht der Sprinter unten, und auf einmal brüllen 80 000 seinen Namen. Als Greene zurückkam, sagt Smith, „hatte er Tränen in den Augen“.

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