Sport : Laptop und Trainingshose

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Von Michael Rosentritt

Kaprun. Herthas ganze Herrlichkeit steckt in einem einzigen Laptop. Soweit ist es nun also schon gekommen, seit Huub Stevens Trainer ist. Der Niederländer mag Details, besser gesagt, er ist detailversessen, und jede kleinste Kleinigkeit tippt er in seinen Computer. Etwa mit welchem Bein Spieler X das Tor öfter trifft oder warum der Torwart Y zu gern in die linke Ecke segelt.

„Das ist enorm wichtig“, sagt der Niederländer, „die Spieler sind doch keine Maschinen mit irgendeiner Nummer, sondern Menschen. Und ich will einsteigen in ihre Gefühle." Noch viel lieber aber würden die Spieler einsteigen in das Zimmer, wo das gute Stück des Trainers steht. Zu gern würden sie das Ding mal anzapfen und ein wenig durch die Details surfen, um endlich zu erfahren, woran sie sind beim Neuen, der sie schon drei Wochen lang im Vorbereitungstraining so getriezt hat. In zweieinhalb Wochen beginnt die Bundesligasaison und niemand aus dem Team kann sich sicher sein, dass er in Dortmund auflaufen wird.

„Ich werde jetzt deutlicher am Team arbeiten“, sagt Stevens. Der Niederländer will also nun endlich jene Mannschaft formieren, der er im Meisterschaftskampf am meisten vertraut. Fünf Testspiele hat Hertha unter Stevens absolviert. Gegen Bernau (10:1), Magdeburg (4:0), Rapid Wien (1:1), Legia Warschau (0:1) und Fenerbahce Istanbul (2:2). Demnächst muss der 18 Spieler umfassende Kader für den DFB-Ligapokal gemeldet sein. Hertha trifft am 25. Juli in Aue auf den FC Bayern München.

Gravierend ändern wird sich das Gesicht der Mannschaft für die Saison 2002/03 nicht – was sich allein schon aus der Zurückhaltung der Berliner auf dem Transfermarkt ergibt. Nur zwei neue Spieler, Bartosz Karwan und Arne Friedrich, wurden verpflichtet. Ein Stürmer soll noch folgen. „Das Gerippe steht“, sagt Manager Dieter Hoeneß. „Ich werde darauf achten, dass die Balance innerhalb der Mannschaft stimmt“, sagt Stevens.

Die Mischung soll es machen. Und die wird sich je nach Spielsystem nur geringfügig ändern. Zur Überraschung der wenigsten wird Gabor Kiraly das Tor hüten. Für den Fall einer Viererkette in der Abwehr werden Dick van Burik und Josip Simunic die Innenverteidigung bilden. Michael Hartmann (links) und Marko Rehmer (rechts) dürften die Mannschaft auf den Außenbahnen ergänzen. Sollte Rehmer, der sich noch im WM-Urlaub befindet und unter Fußschmerzen leidet, nicht rechtzeitig fit werden, käme für seine Position am ehesten Andreas Schmidt in Frage. Denis Lapaczinski, der Rehmer auch schon vertreten hat, laboriert noch an einem doppelten Knöchelbruch. Neuerwerb Friedrich wird sich noch entwickeln müssen.

Die Mittelfeldachse dürften von rechts nach links Bartosz Karwan (wahlweise Thorben Marx), Pal Dardai (Rob Maas), Stefan Beinlich (oder Rene Tretschok) und Marcelinho bilden. Prinzipiell hängt die Zusammensetzung dieses Mannschaftsteiles vom Spielsystem ab. Lässt Stevens mit Viererkette spielen, sollte ein defensiver Mittelfeldspieler ausreichen. Bei einer Drei-Mann-Abwehr wären zwei defensive Mittelfeldspieler nötig. Einfluss hätte das natürlich auch auf die Angriffsreihe. Denn es ist davon auszugehen, dass Stevens – wie schon sechs Jahre lang in Schalke – ein Gleichgewicht der Kräfte bevorzugt, also eine Mannschaft aus fünf defensiven und fünf offensiven Spielern. Böte der Trainer drei Stürmer auf, wären das Alex Alves, Michael Preetz und Bart Goor. Denkbar ist aber auch ein Zwei-Mann-Sturm bei einem zusätzlichen offensiven Mittelfeldspieler, der hinter den Spitzen agiert. Goor und Marcelinho könnten das spielen. Für so ziemlich jede Feldposition kommen die Allrounder Eyjölfur Sverrisson und Andreas Neundorf in Frage, die in der Vergangenheit sowohl in der Abwehr, im Mittelfeld als auch im Angriff gespielt haben.

Stevens hat seine Formation im Kopf, sagt er. Im Laptop steht sie bestimmt.

„Sie ergibt sich aus den natürlichen Begabungen und Fähigkeiten der einzelnen Spieler. Aber sie müssen sie mir zeigen“, sagt der Trainer. Das allerdings war nur bedingt möglich in dieser Phase der Vorbereitung. Dieter Hoeneß erinnert sich da an seine eigene Zeit als Spieler. „Ich war der Typ, der sich nie schonte in der Aufbauphase. Das hatte zur Folge, dass ich platt und müde war. Die Spritzigkeit kam dann erst so nach und nach.“

Solche Entwicklungen sind bei vielen Spielern anzutreffen. Gegen die Bayern werden die Herthaner wahrscheinlich noch nicht soweit sein. Aber warum auch. Der Sieger im Ligapokal, der vor Saisonbeginn ab dem 24. Juli ausgetragen wird, darf sich Vorbereitungs-Champion nennen. Bei Hertha will diesen Titel niemand mehr gewinnen, schon aus der Erfahrung des vergangenen Sommers heraus. Jener Start in die Bundesligarunde war einer der schlechtesten der Vereinsgeschichte gewesen. Fixpunkt für die Herthaspieler in diesem Jahr ist nur der 9. August als Start der Saison. Ganz gleich, was im Laptop des Trainers steht.

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