Lars Riedel : Einfach loslassen

Nach fast 20 Jahren an der Weltspitze erklärt Diskuswerfer Lars Riedel seinen Rücktritt. Eigentlich wollte der 41-Jährige unbedingt noch zu den Olympischen Spielen nach Peking.

Frank Bachner,Lars Spannagel
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Lars Riedel beendet seine Karriere. -Foto: ddp

Berlin - Als Lars Riedel am Mittwoch die ringförmige Arena im Berliner Tempodrom betritt, spannt sich sein graues T-Shirt über immer noch imposante Muskeln. Erst als ihn die Kameras und Fotografen mit ihren Scheinwerfern und Blitzlichtern umringen, sieht man auch die feinen Falten, die der Leistungssport um die Augen des 41-Jährigen gegraben hat. Eigentlich wollte der Diskuswerfer noch unbedingt zu Olympia nach Peking – es wären seine fünften Spiele. Doch heute verkündet er offiziell, was sich schon seit einiger Zeit abzeichnete: Weder in Peking noch sonst wo wird Riedel künftig antreten, er beendet seine rund 20-jährige Karriere im Leistungssport. Das Mikrofon wirkt winzig in seinen großen Händen, als er sagt: „Es ist nicht leicht, ein Ziel zu verfolgen und dann zu merken: Es geht nicht mehr.“

Sein Rücken lässt keine intensiven Belastungen mehr zu, das musste sich Riedel nach einem letzten Trainingslager im Januar in Florida eingestehen. Die Schmerzen sind nicht neu für den Olympiasieger und fünfmaligen Weltmeister, beinahe seine ganze Karriere hatte Riedel mit seinem Rücken zu kämpfen, selten war er hundertprozentig fit: „Mein Körper hat mir schon lange gesagt: Ich habe eigentlich keine Lust mehr darauf.“ Im Tempodrom präsentiert Riedel auch seine Autobiografie, in der er auf ein Sportlerleben zurückblickt, das bis in den DDR-Leistungssport zurückreicht.

Seinen Höhepunkt erreichte Riedels Karriere bei den Olympischen Spielen 1996. Nach zwei Fehlversuchen schockte der Deutsche die Konkurrenz und wurde mit der Weite von 69,40 Metern Olympiasieger. Vier Jahre zuvor hatte Riedel das Gegenteil erlebt: Als großer Favorit, der kurz vor den Spielen 67,80 Meter geworfen hatte, scheiterte er mit 59,98 Metern im Vorkampf.

Neben seinen Erinnerungen an die schönen Momente, die ihm der Sport bereitet hat, hat Riedel in seinem Buch auch beschrieben, was ihm in all den Jahren auch manchmal den Spaß verdorben hat. Er kritisiert die deutschen Sportfunktionäre und das Dopingkontrollsystem. Auch im Tempodrom wiederholt er die Vorwürfe. Es sei doch sehr fragwürdig, dass man als Athlet zu jeder Tages- und Nachtzeit für die Kontrolleure zur Verfügung stehen müsse. „Ich wünsche mir einen anderen Weg“, sagt Riedel. „Einen, der die Menschenwürde aufrechterhält.“ Eine Zeit lang war er einer der am häufigsten kontrollierten deutschen Leichtathleten. Am liebsten hätte er es, wenn es einen Haartest für alle Sportler gäbe, mit dem man Doping noch ein Jahr später feststellen könnte.

Schon früh in seiner Karriere versuchte Riedel, sich auch werbewirksam zu inszenieren. „Ich habe erkannt, dass man als Sportler auch als Produkt gesehen wird“, sagt Riedel. „Als ich noch keinen Manager hatte, fand ich das total ätzend.“ Die professionelle Vermarktung als „Modellathlet“ – unter anderem ließ sich Riedel nackt und von Kopf bis Fuß in Gold angestrichen fotografieren – gelang ihm nicht immer. Vor zwei Jahren versuchte er sich publikumswirksam in einer anderen Sportart: In der RTL-Sendung „Dancing on Ice“ schlitterte er als Eiskunstläufer über den Bildschirm.

Auch bei seiner Buchpräsentation zeigt Riedel, dass er ein Medienprofi ist. Bereitwillig posiert er mit seinen Büchern. Noch ein bisschen höher halten? Den Kopf ein wenig drehen? Kein Problem.

Riedel wirkt zufrieden, als er laut über seine Zukunftspläne nachdenkt: bei Charitiy-Turnieren Golf spielen, vielleicht Managern ein paar Dinge über Motivation beibringen. Oder beim Fernsehen arbeiten, als Kommentator: „Vielleicht komme ich so ja doch noch nach Peking.“

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