Lass uns reden : Wie die Bundesliga-Schiedsrichter ihre Leistungen beurteilen

Mehr Kommunikation, weniger Theatralik: Diese Linie sollen und wollen die deutschen Schiedsrichter auch in Zukunft fortführen.

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Mein Freund, der Schiedsrichter. Schalkes Torhüter Manuel Neuer und Manuel Gräfe zeigen, dass es auch ohne Streit geht.
Mein Freund, der Schiedsrichter. Schalkes Torhüter Manuel Neuer und Manuel Gräfe zeigen, dass es auch ohne Streit geht.Foto: nordphoto

Berlin - Die Realität und die durch die Medien vermittelte Realität sind manchmal zwei völlig unterschiedliche Dinge. Glaubt man zum Beispiel dem allgemeinen Eindruck, dann stehen sich Schiedsrichter und Fußballprofis immer unversöhnlicher gegenüber: Der Ton wird schneidiger, bei den nichtigsten Anlässen gibt es Streit, jede strittige Entscheidung von einer Rudelbildung begleitet, und auch bei den Trainern ist die Erregungsschwelle weiterhin erstaunlich niedrig. Die Binnensicht aber stellt sich ganz anders dar. „Ich habe den Eindruck, dass das Verhältnis zwischen Trainern, Spielern und Schiedsrichtern immer besser wird“, sagte Fifa-Schiedsrichter Manuel Gräfe bei einer Schulung für Sportjournalisten in Berlin. Das gute Klima liegt seiner Ansicht auch daran, dass heute weit weniger Schiedsrichter (21) die Spiele der Bundesliga leiten als noch vor ein paar Jahren, als es gut doppelt so viele waren. Man kennt sich eben. „Die Akzeptanz ist größer, die Verständigung besser“, sagt Gräfe.

Diese Linie sollen und wollen die Schiedsrichter auch künftig fortführen. Herbert Fandel, Vorsitzender der Schiedsrichter-Kommission beim Deutschen Fußball-Bund (DFB), fordert noch mehr Kommunikation auf dem Platz. „Gerade in kniffligen Situationen müssen wir bereit sein, das Gespräch zu suchen“, sagte er bei der Halbzeittagung der Schiedsrichter am Wochenende. „Wir müssen uns immer hinterfragen. Wie wirkt das auf die Spieler, auch auf die Zuschauer. Theatralisches Verhalten ist nicht förderlich.“ Die Körpersprache ist für Fandel ein wichtiges Thema: Deshalb gibt es eine klare Anweisung an die Schiedsrichter, auf eine aggressive Gestik zu verzichten.

Zum ersten Mal haben die Schiedsrichter ihre Leistungen nicht nur analysiert, sondern auch statistisch aufgearbeitet. „Vieles war gut, aber längst nicht alles“, sagt Lutz Michael Fröhlich, Abteilungsleiter Schiedsrichter beim DFB. „Insgesamt sind wir schon zufrieden.“ Die Analyse hat insgesamt 94 strittige Szenen in der Ersten und Zweiten Liga zu Tage gebracht. In 44 Fällen lagen die Schiedsrichter laut Fröhlich absolut richtig; bei 14 war auch nach ausführlichem Studium der Fernsehbilder keine endgültige Klärung möglich, und 36 Szenen „hätte man besser lösen können“. Nur 10 davon aber seien definitiv falsch gewesen.

Kein so schlechter Wert, wenn man bedenkt, dass ein Schiedsrichter bis zu 220 Entscheidungen pro Spiel trifft. Doch auch in dieser Hinsicht ist durch die mediale Aufbereitung ein anderer Eindruck entstanden. Dabei ist es ein ungleicher Kampf, dem die Schiedsrichter ausgesetzt sind: Sie müssen immer noch allein ihrem bloßen Auge vertrauen, während die Fernsehsender Superzeitlupen aus allen Perspektiven und andere technische Hilfsmittel aufbieten können. Trotzdem scheint es unter den Schiedsrichtern eine eher abwehrende Haltung zum Videobeweis zu geben. Natürlich sei es negativ, wenn einem Fehler nachgewiesen würden, sagte Manuel Gräfe, „aber wir nehmen gar nicht für uns in Anspruch, dass wir fehlerlos sind“. Manchmal hat er sogar den Eindruck, dass die Fehler der Schiedsrichter durchaus willkommen sind. Die Erregung darüber „gehört ein bisschen zum Entertainment-Programm der Bundesliga“.

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