Sport : Latte, drin, wieder Latte, Neuer hat ihn

44 Jahre nach 1966 gibt es wieder ein Wembley-Tor

Es gleicht sich alles aus im Laufe eines halben Jahrhunderts: Das 3:2 von Geoff Hurst gegen Deutschland im WM-Finale 1966 in Wembley.Foto: dpa
Es gleicht sich alles aus im Laufe eines halben Jahrhunderts: Das 3:2 von Geoff Hurst gegen Deutschland im WM-Finale 1966 in...

Unter welchem Namen wird diese Szene in die Fußballgeschichte eingehen? Als „Phantomtor von Bloemfontein?“ Als „Free-State-Fehler“, nach dem Namen des Stadions? Als „Larrionda-Lapsus“, nach dem uruguayischen Schiedsrichter? „Espinosa Error“, nach seinem Assistenten? Es läuft die 38. Minute, als Frank Lampard kurz vor der Strafraumgrenze des deutschen Teams an den Ball kommt und sofort schießt. Der Schlenzer des englischen Mittelfeldspielers fliegt im Bogen über Deutschlands Torwart Manuel Neuer hinweg und trifft die Unterkante der Latte. Von dort prallt der Ball klar hinter die Linie, springt zurück an die Latte und in Neuers Arme. Frank Lampard hebt reklamierend beide Hände in die Luft, bevor er sie über dem Kopf zusammenschlägt. Kein Piff, kein Tor. Und kein Torrichter, nirgendwo, der einschreiten könnte.

„Wir haben ein paar Fehler gemacht, die Schiedsrichter haben allerdings noch größere Fehler gemacht“, sagt Englands Trainer Fabio Capello nach dem Spiel. „Das nicht gegebene Tor war eines der wichtigsten Dinge des Spiels.“ David Beckham demonstriert dem Schiedsrichter in der Halbzeitpause mit der universellen Anglergeste für „so groß“, wie weit der Ball hinter der Linie war. Alle im Stadion – und Millionen vor Fernsehern auf der ganzen Welt – sind sich einig, dass England ein klares Tor zum 2:2 verweigert wurde – bis auf das Schiedsrichtergespann.

44 Jahre zuvor heißt der Mann, der genauer hätte hingucken müssen, Tofik Bachramow. Es läuft die 101. Minute im WM-Finale von Wembley, als Geoff Hurst in der Verlängerung beim Stand von 2:2 von der Ecke des Fünfmeterraums auf das deutsche Tor schießt. Der Ball fliegt über Torwart Hans Tilkowski hinweg, prallt an die Unterkante der Latte und von dort auf die Torlinie. Während die englischen Spieler sofort jubeln, köpft der deutsche Verteidiger Wolfgang Weber den Ball ins Aus. Schiedsrichter Gottfried Dienst aus der Schweiz hat so Gelegenheit, sich mit seinem sowjetischen Linienrichter Tofik Bachramow zu beraten, der ein klares Tor gesehen hat. Manuel Neuer macht es gestern besser als Weber und bringt den Ball flugs wieder ins Spiel. „Ich wollte den Ball so schnell wie möglich wieder nach vorne bekommen, damit die Schiedsrichter gar nicht erst auf die Idee kommen, er sei vielleicht drin gewesen“, sagt der 23-Jährige.

Nach Tofik Bachramow ist heute in Baku das Nationalstadion in seiner Heimat Aserbaidschan benannt. Diese Ehre dürfte Jorge Larrionda und seinen Assistenten daheim in Uruguay verwehrt bleiben. Und England sollten sie in näherer Zukunft wohl auch meiden. lsp

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