Sport : Lauf und davon

Die deutschen Biathleten sind bei der WM schnell unterwegs und gewinnen die meisten Medaillen

Helen Ruwald[Hochfilzen]

Ein Betreuer trieb Sven Fischer nach vorn. „Der Raphael ist blau, der kann nicht mehr“, brüllte er. Fischer reagierte prompt und zog am letzten Anstieg scheinbar mühelos an seinem kurz zuvor gestürzten Kontrahenten Raphael Poirée vorbei. Der dreifache Weltmeister von 2004 ist nach einer Erkrankung noch nicht in Topform und war gegen den Deutschen chancenlos. Fischer hingegen verfügte, Silber im Massenstartrennen über 15 Kilometer vor Augen, plötzlich wieder über ungeahnte Kräfte. „Das ist, als werde man von Engeln getragen“, erzählte er nach dem Gewinn seiner dritten Medaille bei der Biathlon-Weltmeisterschaft von Hochfilzen. Nach dem letzten Schießen hatte Fischer, der Führende im Gesamtweltcup, noch auf Rang fünf gelegen, dann überholte er Gegner um Gegner. Einen konnte allerdings auch er gestern nicht schlagen: Ole Einar Björndalen, den vierfachen Goldmedaillengewinner von Tirol.

Michael Greis, der Zehnte, vergab beim letzten Schießen eine mögliche Medaille, wie zuvor auch Kati Wilhelm. Sie zögerte sehr lange, ehe sie den letzten Schuss abgab. Sie verfehlte die Scheibe, blieb aber trotz Strafrunde auf Platz drei. Doch in der Schlussrunde „war ich zu platt“, sagte Wilhelm, nachdem sie als Fünfte ins Ziel gekommen war. 9,3 Sekunden fehlten zu Bronze, Sekunden, die sie nicht in der Strafrunde, sondern am Schießstand verloren hatte. „Wenn sie den Fehler eher gemacht hätte, hätte sie eine Medaille gehabt“, sagte Damen-Bundestrainer Uwe Müssiggang, „bringt sie den Schuss an, ist sie Weltmeisterin“. Doch der Titel ging an die Norwegerin Gro Istad-Kristiansen. Wilhelm, Zweite mit der Staffel, hatte in den ersten drei Einzelrennen enttäuscht. Platz fünf sei für sie deshalb ein „schöner Abschluss. Ich fahre ganz zufrieden nach Hause“. Das galt für das gesamte deutsche Team, das in der Nationenwertung Platz zwei hinter Norwegen (viermal Gold, einmal Bronze) belegte. Die Deutschen holten dreimal Gold, viermal Silber und zweimal Bronze und damit mehr Medaillen als jede andere Nation.

„Wir haben mehr erreicht, als wir wollten“, sagte Männer-Bundestrainer Frank Ullrich, während Thomas Pfüller, der Generalsekretär des Deutschen Ski-Verbandes von einem „überragenden Ergebnis“ sprach. Sehr bewegend waren die Geschichten der deutschen Weltmeisterinnen: Die 34-jährige Uschi Disl gewann bei ihrer 15. WM-Teilnahme den ersten Einzeltitel – und ließ nur 24 Stunden später den zweiten folgen. Ersatzstarterin Andrea Henkel rückte kurzfristig für die kranke Martina Glagow ins Team und lief über 15 Kilometer überraschend zu WM-Gold.

Die deutschen Männer konnten zwar Björndalen nicht schlagen, doch Sven Fischer (zweimal Silber, einmal Bronze), Ricco Groß (Bronze) und Michael Greis (Silber) gewannen in allen vier Einzelrennen eine Medaille. Mit einer „offensiveren Laufgestaltung“, die Bundestrainer Ullrich zu Saisonbeginn vorgegeben hatte, sollte der läuferische Rückstand auf die überlegenen Norweger verringert werden. In Tirol kam Ullrich zu dem Ergebnis: „Wir sind einen deutlichen Schritt herangekommen.“

Trotz der Erfolge von Tirol warnt DSV-Generalsekretär Thomas Pfüller davor, die deutsche Bilanz zum Maßstab für die Olympischen Spiele 2006 in Turin zu machen. „Unsere Trainer haben es verstanden, die Sportler auf den Punkt in Topform zu bringen, die Konkurrenz hingegen hat im Vorfeld Fehler gemacht“, sagte Pfüller. Das werde in dieser Form sicher nicht noch einmal passieren.

Außerdem wird die Zahl der potenziellen Konkurrenten in Turin wohl noch größer sein. Die Chinesinnen gewannen in Hochfilzen zweimal Silber und liefen mehrfach in die Top Ten. Ob sie eine Bedrohung für die deutschen Biathleten seien? „Ja“, sagte Thomas Pfüller. Die WM 2009 in Korea, die erste Biathlon-WM in Asien, werde dort einen Boom auslösen. Die Deutschen könnten zwar auf ihre Erfahrung setzen, „aber China hat viel mehr Talente“.

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