Sport : Laufbahn statt Laufsteg

Sprinterin Sina Schielke meldet sich mit einem Hallen-Meistertitel zurück

Susanne Rohlfing[Leipzig]

Als sie mit mächtigen Schritten über die Ziellinie stürmt, wirft Sina Schielke noch schnell einen Blick zur Seite. So viel Zeit muss sein. Doch es besteht kein Grund zur Sorge, es ist geschafft. In deutscher Jahresbestleistung von 7,23 Sekunden wird die 25 Jahre alte Wattenscheiderin in Leipzig deutsche Hallen-Meisterin über 60 Meter. Vor Verena Seiler (München/7,27) und Cathleen Tschirch (Weserbergland/7,34). Dann kommt der Jubel. Das Strahlen. Das Posieren für die Fotografen. Die Sprinterin hat ihre Arbeit gemacht, jetzt ist wieder das Model dran. „Ich bin wieder da und unglaublich glücklich“, sagt Schielke. Zwei Jahre lang hat sich die in Juniorenjahren erfolgsverwöhnte und hoch gelobte Sprinterin mit Verletzungssorgen geplagt. Sie ist weniger gelaufen und hat mehr gemodelt. Jetzt ist es für einen kurzen Moment wieder andersherum.

Die blonden Haare hat sich Schielke dunkel getönt, das Piercing im Bauchnabel ist verschwunden, um die Harmonie ihres Körpers nicht durcheinanderzubringen und dadurch die Heilung ihrer gerissenen Plantarsehne im linken Fuß zu behindern – die Rückkehrerin hat offenbar den Plan, sich ganz ihrem Sport zu widmen. Und so ist sie dann nach ihrem Sieg in Leipzig zwar glücklich, aber nicht vollends zufrieden. „Ich hatte schon gehofft, eine noch schnellere Zeit zu rennen“, sagt sie. Jetzt plant sie einen neuen Angriff für die Hallen-EM vom 2. bis 4. März in Birmingham. Das wäre ein Anfang: Um das Olympia-Debakel von 2004 vergessen zu machen, als sie im Vorlauf ausschied; um an ihre 100-Meter-Bestzeit von 11,16 Sekunden aus dem Jahr 2002 anzuknüpfen; und auch, um neuen Schwung in die deutsche Sprintszene zu bringen.

Diese Last liegt allerdings nicht allein auf den Schultern von Sina Schielke. Auch das haben die Titelkämpfe in Leipzig gezeigt. „Mit unseren Leistungen können wir uns ganz gut im europäischen Spitzenniveau einordnen“, sagte Jürgen Mallow, der leitende Bundestrainer des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. Die zweitplatzierte Verena Sailer ist in drei Läufen dreimal persönliche Bestzeit gelaufen und hat sich damit bereits im Vorlauf ebenfalls für Birmingham qualifiziert. Und bei den Männern hat der 19 Jahre alte Christian Blum (München) den altgedienten Ronny Ostwald (33 Jahre/6,62 Sekunden) und Marc Blume (34/beide Wattenscheid/6,72) die Show gestohlen. Julian Reus aus Erfurt, noch nicht einmal 19 Jahre alt, musste sich zwar in 6,73 Sekunden mit Rang vier zufriedengeben, konnte in dieser Saison mit einem Sprint auf 6,64 Sekunden aber schon andeuten, dass auch mit ihm künftig noch zu rechnen ist.

„Ich freue mich, dass ich mich gegen die Oldies durchgesetzt habe“, sagte der neue Deutsche Meister Blum. Er wiegt gerade 62,5 Kilo, wie ein typischer Sprinter sieht der schmale junge Mann nicht aus. Doch er nimmt es gelassen. Tobias Unger, der Hallen-Europameister von 2005, sei schließlich auch kein Typ, der besonders muskulös ist, sagt Blum. „Es geht auch so.“ Er denkt nicht darüber nach, wie es sein könnte, neben einem muskelbepackten US-Sprinter auf der Bahn zu stehen. „Das ist einfach noch nicht meine Liga.“ Er wolle im Frühjahr erst mal Abitur machen, im Sommer über 100 Meter 10,30 Sekunden laufen, vielleicht bei der U-23-WM in Ungarn einen Erfolg sammeln und sich bei der Weltmeisterschaft in Osaka auf die Staffel konzentrieren. Das allein sind ja schon ziemlich viele Vorhaben für einen 19-Jährigen. Aber auch das nimmt Blum gelassen. Er sagt: „Sonst habe ich keine großen Ansprüche.“

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