Sport : Laufen und Lächeln

Naoko Takahashi ist die populärste Sportlerin Japans – und die Attraktion des Berlin-Marathons

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Von Frank Bachner

Berlin. Die Frage drängt sich auf, sie wird sogar mit jeder Minute bohrender. Verstehen die Japaner in diesem Konferenzraum des Senders Freies Berlin (SFB) ein Wort Deutsch? Verstehen Sie, dass Horst Milde, der Chef-Organisator des Berlin-Marathons, von „Katastrophe“ redet und davon, „dass sich Berlin bis auf die Knochen blamiert“, weil ein paar S-Bahnen am Sonntag beim Marathon nicht fahren und deshalb Läufer möglicherweise verspätet zum Start kommen? Keiner der Japaner schreibt mit, keiner hört überhaupt zu, und das ist deshalb interessant, weil es hier, bei dieser Pressekonferenz, wohl nur japanische Journalisten gibt. Jedenfalls sieht es so aus.

Ungewöhnlich ist das nicht. Naoko Takahashi wird kommen. Die populärste Sportlerin Japans. Die Olympiasiegerin von 2000, die beim Berlin-Marathon 2001 als erste Frau der Welt die 42,195 km unter 2:20 Stunden gelaufen ist (2:19,46). In Japan ist sie ein Idol. Und dann kommt das Idol, ein zerbrechliches Persönchen mit dünnen Armen, die Hände höflich hinter dem Rücken verschränkt, unaufhörlich lächelnd. Eine Frau, die überaus bescheiden wirkt.

Für ein Idol ist die 30-Jährige bemerkenswert normal, fast schüchtern. Manchmal gluckst sie wie ein verlegener Teenager, und solche Szenen fotografieren die japanischen Journalisten besonders gern. Ein paar haben auch Videokameras dabei, aber wundert einen das? Klar, weil hier Journalisten filmen. Andererseits wundert es einen doch nicht, wenn man weiß, wie sehr sie verehrt wird in Japan. Takahashi sei der größte Bestseller seit Erfindung der Instant-Nudelsuppe, hatte die auflagenstärkste Tageszeitung „Yomiuri“ nach ihrer Weltbestzeit geschrieben. Ihre Memoiren („Der Tag, an dem ich zum Wind wurde“) wurden in wenigen Wochen 76 000-mal verkauft, sie kann sich vor Werbeangeboten kaum retten, und vom früheren Ministerpräsidenten Mori hatte sie die höchstmögliche Auszeichnung der japanischen Regierung überreicht bekommen, den Preis für „besondere Verdienste gewöhnlicher Bürger“.

Aber Takahashi ist ja längst keine normale Bürgerin mehr, sie ist „ein Mysterium auf fliegenden Beinen“. So hatte sie ein TV-Kommentator bezeichnet. Aber das Mysterium hat seit einem Jahr keinen Wettkampf mehr bestritten, und deshalb gibt Takahashi keine konkreten Ziele für den Berlin-Marathon 2002 an. Sie konnte lediglich drei Monate trainieren und sagt nur, „dass ich mein Bestes geben werde“. Konkreter wird auch ihr Trainer nicht. Weltbestzeit? „Ich weiß nicht genau, was sie kann“, sagt er. „Ich habe eine Zeit im Kopf, aber ich werde sie nicht sagen.“ Auf Tempomacher jedenfalls verzichtet sie in Berlin.

Die Bestzeit steht inzwischen bei 2:18,47 Stunden. Die Kenianerin Catherine Ndereba lief die Zeit am 7. Oktober 2001 in Chicago, eine Woche nach Takahashis Rekordlauf in Berlin. Ach nein, sagt die Japanerin, es mache ihr nichts aus, nur sieben Tage lang Rekordhalterin gewesen zu sein.

Aber irgendwann fängt sie fürchterlich an zu lachen, senkt ihren Kopf auf die Tischkante, und die Japaner im Raum lachen mit ihr. Der Rest hat keine Ahnung, worum es geht, auch nach der Übersetzung nicht, aber den Japanern ist das egal. Sie haben jetzt ganz besondere Sätze ihres Idols. Horst Milde, der neben der Olympiasiegerin sitzt, haben sie schon vergessen.

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