Sport : Laut, lauter, Leichtathletik

NAME

Ernst Podeswa über das Ende der spannenden Stille bei großen Sportfesten

Nun also auch die Leichtathletik. Auch sie soll, so hat es jedenfalls Helmut Digel als Chef des EM-Organisationskomitees versprochen, zum „Event“ befördert werden. Der vormalige Verbands-Präsident annoncierte für München „eine Veranstaltung mit mehr als nur Sport“. Seit vier Tagen wissen wir, was damit gemeint ist: Mehr Dezibel.

Das ist der auffälligste Unterschied zur herkömmlichen Präsentation der Leichtathletik: Wummernde Beats während der Läufe, Interviews aus dem Innenraum, Animationsversuche wie: „Jetzt wollen wir mal die Welle machen." Der Zuschauer muss beschäftigt und in Hochstimmung gebracht werden. Die ruhigen Momente, die bisher die olympische Kernsportart ausmachten, haben im Stakkato von Action, Berieselung und Infoansagen kaum noch Raum. Wenn sich die Spannung vor einem 100-m-Rennen durch knisternde Stille und dem Focus von Tausenden Augenpaaren auflädt – und mit einem gemeinsamen Aufschrei nach dem Startschuss entlädt. Oder ein plötzlicher Ausbruch der Begeisterung bei Sprüngen jenseits der Schwerelosigkeit, die mitten in das dahinplätschernde Geschehen platzen. Im Disko-Sound leiden auch die Zuschauerinformationen. So entging den auf Entertainment bedachten Stadionsprechern, dass die deutschen Hammerwerfer in der Qualifikation vergeblich gegen das Aus anwarfen. Auch fragte sich mancher irritiert, auf welchem Platz Heike Drechsler im Weitsprungfinale nach drei Versuchen abgeblieben war?

Der Diskuswerfer Michael Möllenbeck sieht die ungewohnte Lärmkulisse pragmatisch. „Wir Aktiven müssen uns damit arrangieren, auch wenn der eine oder andere damit Probleme hat.“ Denn, wenn nichts passiere, „bleiben eines Tages die Stadien bei der Leichtathletik leer.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben