Sport : Laut und deutlich

Stefan Hermanns

Was in der Kabine einer Fußballmannschaft passiert, ist eines der letzten großen Geheimnisse der Menschheit. Wie gerne würden wir einmal Mäuschen spielen, wenn der VfL Wolfsburg zur Pause 0:3 zurückliegt und Klaus Augenthaler seines Amtes als Trainer waltet. Im Grunde sind wir in solchen Fällen allein auf Mutmaßungen angewiesen, doch auch das entschuldigt nicht unsere mangelnde Fantasie. Wenn eine Mannschaft in der zweiten Halbzeit eklatant besser spielt als in der ersten, hat das komischerweise immer dieselbe Ursache: Der Trainer hat in der Pause offensichtlich die richtigen Worte gefunden. Sprich deutlich und vor allem laut, und du wirst gehört.

Im deutschen Fußball ist der Glaube an die Macht des Wortes immer noch weit verbreitet, er prägt geradezu unsere nationale Fußballkultur. Man muss nur ausreichend motiviert sein und entsprechend wollen, dann ist alles möglich. Die Bedeutung des Kampfes wird hierzulande sehr viel höher geschätzt als zum Beispiel die Technik oder die Taktik einer Mannschaft. Was rufen Fans, wenn ihr Team vom Tabellenführer vorgeführt wird? „Wir woll’n euch kämpfen sehen!“

Es ist faszinierend, zu sehen, wie weit die Macht solcher Phänomene reicht und wie sehr sie unsere Sichtweise prägt. Man muss nur den Sportteil einer deutschen Zeitung neben den einer holländischen halten und sich die Fotos ansehen. In der deutschen: Close-ups, Kopfballduelle, Tacklings, Grätschen, der Kampf Mann gegen Mann. In der holländischen: der Blick aus der Totalen auf das Spielfeld, auf taktische Formationen – und auf den freien Raum. Der deutsche Fußball, lange Zeit letzter Hort der guten alten Manndeckung, hat schon immer ein gespaltenes Verhältnis zum Raum gehabt, dabei hat schon Berti Vogts seinen Wert klar erkannt. „Wir spielen im Raum“, hat er einmal gesagt. „Dafür ist der Raum zuständig.“

schreibt an dieser Stelle im Wechsel mit Philipp Köster.

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