Sport : Leben nach dem Tod

Stefan Liwocha

Bei den Heimspielen der Los Angeles Lakers hat dieser Earvin "Magic" Johnson noch immer seinen großen Auftritt. Für Sekunden erscheint dann sein Kopf in Großaufnahme auf dem riesigen Videowürfel unter der Hallendecke. Jedesmal das gleiche Spiel. Magic lächelt wie nur er lächeln kann. Die Fans johlen. Magic winkt ins Publikum. Der Stuhl in der zweiten Reihe direkt am Spielfeld ist für den ehemaligen Basketballstar reserviert. Dort sitzt der 42-Jährige und genießt so ziemlich alles. Das Rampenlicht. Das Spiel. Das Leben. Seine Krankheit ist nicht einmal mehr der Rede wert. Dabei hätte es vor zehn Jahren wohl kaum jemand für möglich gehalten, dass der bekannteste HIV-Patient der Welt noch im 21. Jahrhundert voller Lebensfreude strahlt.

Johnson gehören zahlreiche Kinozentren und Supermärkte. Er besitzt einen Anteil von fünf Prozent an den Los Angeles Lakers, dem Eliteteam der NBA (National Basketball Association). Auf Hollywoods Walk of Fame hat das Sportidol seinen eigenen Stern, gleich neben dem von Chuck Norris und Liza Minnelli. Auf dieser Meile werden sonst nur Film- und Fernsehstars verewigt. Johnson war schon immer ein glänzender Entertainer. Doch vor zehn Jahren, am 7. November 1991, war die Showtime offiziell vorbei. Eine Nachricht erschütterte eine ganze Nation: Magic Johnson ist HIV-positiv.

Den Tag, an dem die Basketball-Legende sich in einer bewegenden Pressekonferenz zu seiner Infizierung bekannte, werden die meisten Amerikaner ihr Leben lang nicht vergessen. Ebenso wie den Wortlaut seines Statements. Johnson sprach merkwürdigerweise davon, den Aids-Virus "erlangt" zu haben. So, als handelte es sich um eine weitere Trophäe. Ein Gerücht jagte das andere. Bis wenig später die Wahrheit ans Licht kam. Der allseits beliebte Basketballer, Ehemann und Vater von drei Kindern, hatte sich bei einem seiner zahlreichen Liebes-Abenteuer infiziert. Schnell verlor der einstige Werbekönig die meisten seiner lukrativen Nebenverdienste. "Davon erfuhr die Öffentlichkeit", erzählt sein ehemaliger Agent Lon Rosen. "Was er aber sonst erleiden musste, blieb geheim. Die Angriffe waren schrecklich."

Seine Frau Cookie erinnert sich, dass er an den ersten Tagen des schmerzhaften Vorruhestands "viel daheim saß und sich elend fühlte". Nicht wegen irgendwelcher Krankheitssymptome. Cookie: "Er muss einfach etwas tun." Also stürzte sich Magic Johnson wieder ins tägliche Training. 1992 feierte er bei den Olympischen Spielen in Barcelona im ersten und einzigen Dreamteam eine Sternstunde, die ihn von einem Comeback in der besten Basketball-Liga der Welt träumen ließ. Doch die Angst der Gegenspieler vor einer Infektion mit dem Virus war zu groß. "Da habe ich schweren Herzens die Rückkehrpläne begraben", sagt Johnson, "ich wollte schließlich das Spiel nicht zerstören, das ich mit aufgebaut hatte." Die medizinische Aufklärung half, dass Johnson 1995 doch noch aufs NBA-Parkett zurückkehren konnte. Wenn auch nur für 32 Spiele. Seine Mission war erfüllt. Denn er hatte sich immer gewünscht, dass "mein jüngster Sohn mich noch einmal in Aktion sieht".

Natürlich schluckte Johnson immer Pillen gegen seine Krankheit. Erst waren es vier pro Tag, heute sind es nur noch zwei. Doch die Medizin allein ist es nicht, die den Amerikaner bislang am Leben gehalten hat. Dieser Überzeugung ist auch der renommierte HIV-Forscher Eric Daar: "Magic hat aus etwas Negativem etwas Positives gemacht. Dies dürfte ein wichtiger Faktor seiner Gesundheit sein." Für den prominenten Patienten war das Glas nie halbleer oder halbvoll. Es gab gar kein Glas, und somit war die HIV-Infektion aus seiner Sicht nur ein böser Traum. Volle Kraft voraus. Johnson achtete nicht nur auf seine Ernährung, er trieb weiter wie ein Profi Sport. Sechs Stunden am Tag, sechsmal die Woche. Bis heute. "Sein Körper ist wie der eines 30-Jährigen", sagt sein Fitness-Trainer Charles Glass, "er hat enorme Ausdauer und Stärke." Johnson zaubert noch immer gerne in einem All-Star-Team, mit der er durch die Welt tourt. Und einmal jährlich testet er sein Leistungsvermögen in der Sommerliga der Profis. "Ich kann immer noch mithalten", verkündet er stolz. Trotz seiner gut 110 Kilo Gewicht.

"Life after Death" - Leben nach dem Tod, titelte unlängst das Magazin Sports Illustrated über den Optimisten, für den Aids aufgrund hervorragender Blutwerte kein Thema mehr ist. Auch, wenn er das Label "HIV-positiv" ohne medizinischen Durchbruch nie ablegen wird. "Ich fühle mich wunderbar, alles ist großartig", sagte Johnson jüngst bei einer Autogrammstunde, "und ich hatte nie das Gefühl, wirklich krank zu werden." Für ihn ist die Gesundheit auch das Resultat seiner mentalen Stärke. So, als hätte er HIV in Spiel sieben einer Championship-Serie besiegt. "Ich schaue nicht zehn Jahre zurück", sagt Johnson, "sondern drei bis fünf Jahre voraus." Er hält jede Wette, dass er dann immer noch bei den Heimspielen der Lakers vom großen Videowürfel lächelt.

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