Sport : Lebensgefährlicher Blindflug

Das Dopingmittel Epo hat einen Nachfolger: Es heißt Dynepo und bringt neue Gefahren mit sich

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Von Erik Eggers

Köln. Am Mittwoch war Epo wieder da, prominent in der Öffentlichkeit wie eh und je. Brahim Boulami war beim Dopen erwischt worden, der Mann, der zehn Tage zuvor in Zürich Weltrekord über 3000 m Hindernis gelaufen war. Die Fahnder freuten sich über den prominenten Fang – und wussten doch schon zu diesem Zeitpunkt, wie schwer ihre Arbeit in Zukunft werden würde. Obwohl es noch nicht auf dem freien Markt erhältlich ist, kursiert Gerüchten zufolge ein neues Erythropoietin-Präparat (Epo) im Hochleistungssport. Das Medikament heißt „Dynepo", und die darin wirksame Substanz Epoetin delta soll noch effektiver sein als die in „Aranesp" – jenes Mittel, das Brahim Boulami vor zwei Wochen und dem Skilangläufer Johann Mühlegg bei den Olympischen Spielen in Salt Lake City zum Verhängnis wurde. Dass nicht Gerüchte durch das Milieu des Ausdauersports wabern, zeigte bereits eine Meldung des Radsport-Weltverbands (UCI) Anfang Juli. Die UCI zählte Dynepo zur „nächsten Generation im Doping“; es versorge die Muskeln noch effektiver mit Sauerstoff als alle EPO-Präparate zuvor und sei nicht vor 2003 nachzuweisen. Nicht wenige werteten das als Freifahrtschein für Dopingsünder.

Wie immer sehen sich die Fahnder als Bittsteller. Im Frühjahr schon wusste Wilhelm Schänzer, „dass dieses Mittel in der Pipeline ist" und bat beim Hersteller um eine Probe. Der Leiter des vom IOC-akkreditierten Labors in Köln erhoffte sich damit einen Zeitgewinn auf dem Weg zu einem schnellen Nachweisverfahren. Dass Dynepo alsbald ein Thema im Sport sein wird, davon gehen er und seine Kombattanten nämlich fest aus. Denn „sobald es ein neues Mittel gibt, wird es von Sportlern auch probiert", sagt Klaus Müller vom IOC-Labor Kreischa .

Somit ist es durchaus denkbar, dass andere Skilangläufer cleverer als Mühlegg agierten und Dynepo schon bei den Winterspielen benutzten. Seit dem März 2002 ist Dynepo offiziell in Europa zugelassen, auf der Basis eines unabhängigen Gutachtens aus dem Dezember 2001. Davor unternahm der Hersteller eine zwölfmonatige Testreihe, um Wirkung und Nebenwirkungen zu erforschen. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Epo-Präparat lange vor dem Apothekenverkauf auf dem Schwarzmarkt des Dopingsports gehandelt wird; der Vorgänger Aranesp etwa tauchte vor Markteinführung im Radsport während der Spanien-Rundfahrt „Vuelta" auf.

So sehr Schänzer aber auch um eine Probe bat – der französische Pharmazie-Riese Aventis Pharma S.A., der das Produkt gemeinsam mit der amerikanischen Firma Transkaryotic Therapies, Inc (TKT) entwickelt hat, lehnte seinerzeit ab. Ein laufender Patentstreit in den USA verbiete es Aventis, Dynepo bereits an die Dopinganalytik zu geben. So lautete die lakonische Antwort auf Schänzers Begehren. Dabei muss das Präparat, sofern es tatsächlich schon Hochleistungssportler zu sich nehmen, aus den Forschungslaboren in großen Mengen abhanden gekommen sein. Jetzt erst, nachdem Schänzer mit seiner Anfrage an die Öffentlichkeit ging, lenkt Aventis offenbar ein: „Wir bemühen uns, das Präparat schnell zur Verfügung zu stellen", sagte Aventis-Mitarbeiter Tilmann Kiesling dem Tagesspiegel. Und das, obwohl der Patentstreit in den USA immer noch läuft.

Und die Reaktion der Sportverbände? Schänzer und seine Kollegen sehen sich bei ihren Bemühungen alleine gelassen. Selbst an der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA), sagt er, sei das neue Präparat bislang völlig vorbeigerauscht. Geht es nach Schänzer, dann sollte die WADA besser Kontakte zu Pharmakonzernen herstellen, „statt immer teure Kongresse zu finanzieren". Dass Dynepo aber schneller nachgewiesen werden kann als von der UCI behauptet, davon sind die Dopingjäger dennoch fest überzeugt, zumal es auf gentechnischem Wege hergestellt wird. Ein Mitarbeiter von Klaus Müller aus Kreischa spricht von zwei bis drei Wochen. Wenn das Präparat nur endlich zur Verfügung stünde.

Selbst bei hohen Konzentrationen galt Epo unter Dopern bislang als verhältnismäßig sicher. Auch wenn Anfang der Neunzigerjahre einige Radsportler auf rätselhafte Weise gestorben sind, meist im Schlaf an der für Epo-Missbrauch charakteristischen Verdickung des Blutes. Nun aber tauchen Berichte auf, nach denen schon in dem für Epo-Gebrauch vorgesehenen medizinischen Bereich Schwierigkeiten auftreten. Hunderttausende von Nierenkranken und Krebspatienten nehmen regelmäßig Epo, um damit ihre Blutarmut zu bekämpfen; sie können so auf sonst notwendige Bluttransfusionen verzichten. Ein Segen ist das für die meisten Patienten. Nun sind aber weltweit 141 Fälle bekannt geworden, in denen Epo-Präparate teilweise Antikörper-Bildung nach sich zogen; manche Patienten rutschten in eine lebensbedrohliche Blutarmut ab.

Unangenehme Nachrichten sind das für die Biotech-Hersteller. Zumal es sich bei Epo um eine hochprofitable Sparte handelt. Immerhin geht es um etwa fünf Milliarden Euro Umsatz per annum. Und doch ist das bei Spezialisten keine wirkliche Überraschung, sind doch laut Wolfgang Jelkmann „Anti-Körper-Bildung bei gentechnisch hergestellten Präparaten schon lange bekannt". Jelkmann, ausgewiesener Epo-Experte von der Universität Lübeck, engagiert sich seit langem auch im Kampf gegen das Doping. Er hält es „für wichtig aufzuklären, ohne dass die Nierenkranken in Panik geraten".

Eines steht für Jelkmann fest: Immer noch überwiege eindeutig der Nutzen, die Problemfälle lägen im Promillebereich. „Dennoch lässt sich die Gefahr lässt nicht ausschließen", speziell dann nicht, wenn Epo subkutan, sprich: unter die Haut injiziert werde. Diese subkutanen Injektionen waren laut Schänzer bei den aufgeklärten Fällen im Radsport (Zülle, Pantani, Virenque) gängige Praxis. „Die benötigte wöchentliche Dosis ist bei subkutaner Anwendung geringer als bei intravenöser", verrät der vorab im Netz veröffentlichte Beipackzettel für Dynepo – also auch preiswerter, ein wichtiges Argument im Profisport.

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