• Lebensgefahr Wintersport: Angst ist tabu - Skifahrer verstecken sich hinter einer Schutzmauer aus Worten

Sport : Lebensgefahr Wintersport: Angst ist tabu - Skifahrer verstecken sich hinter einer Schutzmauer aus Worten

Frank Bachner

Vielleicht dachte er an den extrem steilen Starthang. Dort, wo man gepresst atmet oder auch gar nicht. Oder an den drei Meter breiten Ziehweg, an der Ausfahrt des Steilhanges. Ein halber Meter zu weit links oder rechts mit 125 Stundenkilometern, dann stoppen einen die Fangzäune. Schwer zu sagen, an was er genau dachte. Der Mann redete nicht darüber. Er stieg einfach in die Gondel, oben am Starthäuschen zur berüchtigten Streif in Kitzbühel, dem schwersten Abfahrtskurs im Ski-Weltcup. Es war kein Neuling, es war ein durchaus bekannter Abfahrer. Er hatte Angst, ganz gewöhnliche Angst, so wie sie jeder Stemmbogen-Schwinger am Hang hat. Sonst wäre er nicht mit Trikot und Ski, die Startnummer schon am Körper, wieder nach unten gefahren.

Max Rauffer, der deutsche Abfahrtsläufer aus Gmund, sah ihn einsteigen. 1999 war das, und Rauffer zog den Hut. "Es gehört viel Mut dazu, so etwas zu machen." Aber er befragte den Konkurrenten nicht. Er wollte nicht wissen, was ihn in die Gondel getrieben hatte. Niemand fragte ihn. Niemand redete auch später drüber, in den Hotels oder bei den Schafkopf-Runden. Alle hatten Respekt vor seinem Mut und seiner Entscheidung. Und deswegen blieb der Fahrer anonym.

"Man hat generell Achtung voreinander", sagt Rauffer. Aber die Fahrer betrachteten das Thema wie ein Wissenschaftler eine Nährlösung unterm Mikroskop. Interessiert, aber doch mit Distanz. Die Distanz ist wichtig. Sie ist das ungeschriebene Gesetz der Abfahrtsläufer. Keiner redet in diesem Kreis über Angst. Zumindest nicht gegenüber Konkurrenten. Angst ist ein Tabuthema bei den Abfahrtsläufern. "Angst darfst du nicht haben", sagt Rauffer. Er hat auch keine, sagte er, obwohl er nach einem Sturz nur hauchdünn einer Querschnittslähmung entgangen ist. Respekt ist das Zauberwort. Auf Respekt haben sich alle geeinigt. Respekt vor der Strecke, vor dem Wetter, vor dem Kurs. Respekt ist die Gefühlsgrenze. "Das Wort Angst", sagt Martin Oßwald, der deutsche Cheftrainer der Herren. "nehme ich nicht in den Mund. Nur Respekt."

Es ist eine Schutzmauer aus Worten. Sie dient dem Selbstschutz und sie dient als Taktik. Wer zu viel denkt, fährt nicht mehr bis an die Grenze. Angst eingestehen, bedeutet Schwäche zeigen. Aber solche offentsichliche Schwächen nützen auch dem Konkurrenten. Dieses Verdrängen verstärkt den Mythos von den harten Kerle auf der Abfahrtspiste, Männer ohne Angst, aber teuflischem Mut.

Man kann diese Schutzmauer durchbrechen. In Bad Oberdorf im Allgäu zum Beispiel, bei Berni Huber, bis 1997 einer der besten deutschen Abfahrtsläufer. Jetzt sitzt Huber in Trainingshosen in seinem Wohnzimmer und zeigt seinen rechten Unterarm wie ein Trophäe. "18 Schrauben und zwei Platten sind drin", sagt Huber "Rostfrei. Die bleiben drin. Dieser Arm bricht nicht mehr so leicht." Huber stürzte 1997 schwer, in Chamonix. Unterarm zersplittert, beide Knie kaputt, drei Monate Rollstuhl. Anschließend stieg er aus. Jetzt trainiert er im bayerischen Verband Jugendliche, er fährt keine Rennen mehr. "Ja", sagt Huber, "ich hatte Angst. Und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es jedem so geht."

Respekt, wirklich nur Respekt haben die Abfahrer vor vielen Pisten. Die sind steil, aber nicht wirklich extrem herausfordernd. Aber es gibt auch noch die Streif". Und hier geht der Respekt in Angst über. "Kitzbühel", sagt Huber, "war für mich immer psychisch die härteste Woche. Du weißt ganz genau, dass du auf dieser Strecke schon im Training von Anfang an hundert Prozent geben musst." Schon bei der Anreise, sagt Huber "begann das Kribbeln. Und zwar nicht vor Aufregung."

Er hatte auch einen in die Gondel einsteigen sehen. Stefan Krauss, damals einer der deutschen Spitzenabfahrer. Der ging anschließend zu Martin Oßwald, seinem Trainer: "Ich hatte Angst", sagte er zu Oßwald. Abfahrer haben immer eine Bezugsperson zum Reden. Über Verletzungen, über ein komisches Gefühl und über Angst.

Auch Huber spürte Angst, richtige Angst, am Start. Je kürzer die Schlange vor ihm wurde, umso größer wurde seine Angst. Erst in der Sekunden des Starts fiel alles von ihm ab. Hochleistungssportler können das. Es ist eine Frage des Trainings. Irgendwann mal kam sogar Markus Wasmeier in Kitzbühel vor dem Rennen zu Huber. Wasmeier, der Olympiasieger, den Huber verehrte. Welche Linie fährst du denn? fragte Wasmeier. Da wusste Huber, dass Wasmeier Angst hatte. "Ich sah es an seinen Augen."

Aber diese Angst dringt nur für kurze Momente wirklich stark ins Bewusstsein. Dann ziehen sich Abfahrtsläufer ganz schnell wieder hinter ihre Schutzmauer zurück. Huber stand in Kitzbühel oben am Start, als Brian Stemmle, der Kanadier, fürchterlich stürzte. Der Deutsche sah den Rettungs-Hubschrauber, es wurde immer dunkler, und er stand immer noch oben. 45 Minuten Quälerei. "Ich konnte die Gedanken an den Vorfall nicht verdrängen." So fuhr er auch. "Ich habe, glaube ich, automatisch Tempo herausgenommen. Und unten, im Ziel, war ich vor allem erleichtert, dass ich es geschafft hatte". Hätte er das auch einen Tag später öffentlich erzählt? "Nie im Leben."

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