Sport : „Lebensgefühl und knallharter Sport“

Der Surfer Björn Dunkerbeck über Image, Heimatlosigkeit und Begegnungen mit paarungswilligen Walen

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Was haben Sie heute gefrühstückt?

Heute morgen war ziemlich wenig Frühstück angesagt, wir sind mit dem Flugzeug angereist, da gab es einige Sandwiches und Kaffee. Aber ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Es gab heute kein Nutella-Brot, ausnahmsweise.

Sie wissen also, dass Sie in Deutschland vor allem wegen der Reklame für den Brotaufstrich bekannt sind?

Ja, der Spot lief ja auch über einige Jahre.

In der Werbung kamen Sie rüber wie der Bilderbuch-Surfer: Typ cooler, entspannter Sonnyboy. Dabei gelten Sie als sehr ehrgeizig und werden wegen ihrer 35 WM-Titel sogar „Terminator“ genannt. Was stimmt denn nun?

Beides. Für mich ist Windsurfen ein Lebensgefühl, ein Abenteuer, aber eben auch knallharter Sport. Ich liebe diese Mischung. Ich habe zum Beispiel ein Projekt gegründet, bei dem ich zusammen mit Freunden regelmäßig nach den besten Windsurf-Spots der Welt suche. Auf solchen Trips geht es ziemlich relaxt zu. Aber länger als zwei Wochen halt ich es da meistens nicht aus, es wird mir zu einsam. Dann brauche ich wieder ein Ziel, das mich im Training antreibt – und darin kann ich dann enormen Ehrgeiz entwickeln.

Das tun Sie seit inzwischen mehr als zwei Jahrzehnten. Können Sie nicht loslassen?

Windsurfen wird immer ein großer Teil meines Lebens sein. Mein Vater steht mit 63 noch viermal die Woche auf dem Brett, so wünsche ich mir das auch. Aber der große Kick ist für mich nach wie vor, gegen die Besten zu fahren. Deswegen will ich im Weltcup bleiben, bis ich 40 bin. Natürlich nur, solange ich noch um den ersten Platz mitfahren kann. Aber das wird in den nächsten drei Jahren im Slalom und Speed-Racing wohl noch der Fall sein.

Kommen wir zum nächsten Vorurteil: Als großer Surfer ist man großer Frauenschwarm. Wie groß ist Ihre Groupie-Gemeinde?

Na ja, man ist viel unterwegs, da lernt man schon viele Leute kennen, sowohl männliche als auch weibliche. Und wenn beim Weltcup in Sylt 170 000 Menschen vor Ort sind, gibt es da sicher auch das eine oder andere Groupie. Aber ich bin inzwischen verheiratet, wir haben zwei Kinder, und meine Familie ist zumindest auf den Reisen in Europa meistens mit dabei. Und das ist mir sehr wichtig, weil ich jedes Jahr rund acht Monate unterwegs bin.

Nicht nur deshalb fällt es schwer, Sie einem Land zuzuordnen: geboren in Dänemark, aufgewachsen auf Gran Canaria, ausgestattet mit niederländischem Pass, offizieller Wohnsitz: Andorra.

Stimmt. Dass ich ein wirkliches Heimatland hätte, dazu ist es irgendwie nie gekommen. Ich fühle mich auch eher als Europäer denn als Spanier oder Holländer.

Was hält Ihre Frau denn davon, dass Sie nebenbei noch den, wie es offiziell heißt, „Geschwindigkeitsrekord für segelbetriebene Wasserfahrzeuge“ jagen? Klingt ja nicht gerade ungefährlich.

Wissen Sie, ich habe mir mal eine Schulterverletzung zugezogen, das war beim Snowboarden, und beim Schnorcheln habe ich mir mal eine Harpune durch den Zeh gejagt. Aber beim Windsurfen? Da ist mir noch nichts Schlimmes passiert. Der Geschwindigkeitsrekord ist auch deswegen nicht so gefährlich, weil er ohnehin nur bei absolut glattem Wasser möglich ist. Das macht das Unterfangen so schwierig, denn man braucht gleichzeitig konstant neun Windstärken. Diese Kombination ist sehr selten. Ich hoffe trotzdem, dass ich erst den aktuellen Rekord von 48,7 Knoten (90,19 km/h) breche und dann die Grenze von 50 Knoten. Aber wenn Sie schon von Gefahren beim Surfen reden, dann müssen wir über andere Begegnungen sprechen.

Haie etwa? Da wären wir beim dritten Vorurteil: der Hai als natürlicher Feind des Surfers.

Haie weniger. Die sieht man zwar oft, Hammerhaie, Blauhaie oder manchmal auch einen Tigerhai. Kürzlich erst bin ich nur einen Meter an einem vorbeigefahren und dachte, als ich die Flosse aus dem Wasser ragen sah: Hoppla, das war ja knapp. Aber weil wir Windsurfer in langen, gleichmäßigen Gleitphasen übers Wasser ziehen, interessieren wir die Haie überhaupt nicht. Anders ist es, wenn du auf einem kleinen Wellenreit- Brett liegst und rumplanschst wie eine halbtote Robbe. Dann verwechseln die Haie dich eben mal und beißen zu. Aber ich persönlich habe viel größeren Respekt vor Walen.

Warum?

Weil die dich überhaupt nicht wahrnehmen. Vor allem vor Hawaii ist es so, dass sie in der Paarungszeit im Frühjahr das andere Geschlecht begeistern wollen, indem sie meterhoch aus dem Wasser springen. Und wenn du halt blöderweise gerade in der Nähe bist und sie auf dich fallen, diese 15, 20 Meter langen Apparate, dann bist du ziemlich platt. Einige Male ist das nur rund zehn Meter von mir entfernt passiert, da habe ich schon einen ordentlichen Schrecken bekommen, muss ich sagen. Und dann noch der Geruch.

Der Geruch?

Die blasen hinten so einen Dunst raus, das riecht ganz schön streng.

Wonach?

Gemischt. Nach Fisch zum Beispiel. Obwohl sie ja gar keinen Fisch fressen. Aber es riecht definitiv fischig.

Auf Sylt wird Ihnen das jetzt wohl erspart bleiben.

Davon gehe ich aus. Aber das wird auch ohne Wale ein Riesentamtam. Die Norddeutschen nennen das ja das Oktoberfest des Nordens. Ich glaube, die Bezeichnung passt ganz gut – wenn man mal davon absieht, dass es im Gegensatz zur Wiesn echten Spitzensport zu sehen gibt.

Das Gespräch führte Daniel Pontzen.

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