Sport : Leere Schachtel für viel Geld

Vincenzo Delle Donne

Ferraris gräflicher Herr wird deutlich, wenn es um Geschäftsinteressen geht. Nüchtern bilanziert Luca Cordero di Montezemolo: "Die Teams erhalten heute 43 Prozent der Einnahmen der Formel 1, während 57 Prozent an Bernie und den Weltmotorsportverband FIA gehen. Damit sind wir nur einverstanden, solange Ecclestone noch Anteile hält." Klarer kann die Forderung des Ferrari-Chefs an den starken Mann der Formel 1 nicht ausfallen. Sowohl Bernie Ecclestone als auch die Kirch-Gruppe müssen sich wohl oder übel damit abfinden, schon demnächst auf einen Teil ihres ausgerechneten Gewinns verzichten zu müssen. Denn die Hersteller wollen nicht, dass Ecclestone seine gesamten Rechte an Kirch abtritt, der die Formel 1 dann im Bezahlfernsehen anbieten würde. Dann würden die Teams lieber die Organisation des Formel-1-Spektakels in eigener Regie betreiben - ab 2008, wenn die derzeit geltenden Verträge auslaufen.

Die Formel-1-Teams haben dafür vorgesorgt. In Genf haben sie eigens für diesen Fall die GPWC Holding B.V. gegründet, zu deren Präsidenten nun formell Fiat-Geschäftsführer Paolo Cantarella bestellt wurde. Im Direktorium der neuen Gesellschaft sitzen Mercedes-Benz-Chef Jürgen Hubbert, Luca di Montezemolo (Ferrari-Fiat), Wolfgang Reitzle (Ford-Jaguar), Burkhard Goetschel (BMW) sowie Patrick Faure (Renault). Aber auch Honda und Toyota unterstützen das Unternehmen, das unter dem Motto steht: "Die Formel 1 den Konstrukteuren."

"Das ist weder eine Spaltung noch eine alternative Weltmeisterschaft", präzisierte Montezemolo. "Alle Konstrukteure haben die Absicht, diese Weltmeisterschaft selbst zu organisieren - mit allen Vorteilen auch ökonomischer Natur, von denen derzeit andere profitieren." Eine Möglichkeit bestände zudem, die enormen Investitionen wieder hereinzuholen, die das Formel-1-Engagement notwendig macht. Montezemolo sagt: "Dadurch würde auch den kleinen Teams wie Prost geholfen werden, denen heute die Schließung droht."

Mit allen Mitteln rangen die Emissäre der wichtigsten Teams zuletzt hinter den Kulissen um einen größeren Gewinnanteil. Doch die Kirch-Gruppe zeigte kaum Gesprächsbereitschaft. Daher kam es zur Gründung der neuen Gesellschaft, die die Vermarktung der neuen Formel 1 in großem Stil organisieren soll. Die Rahmenbedingungen sind lukrativ wie in keinem anderen Sportspektakel: Weltweit kleben pro Rennen rund 350 Millionen Menschen an den Fernsehschirmen. Für Sponsoren ein unermessliches Potential.

Ein Trost bleibt Kirch & Co. Bis 2007 haben sie noch das ausdrückliche Sagen über den Rennzirkus. Ein vorzeitiger Ausstieg aus dem jetzigen Vertrag wäre nur durch die Zahlung einer hohen Konventionalstrafe möglich. Die Organisatoren der neuen WM wollen überdies nichts überstürzen und die Planung generalstabsmäßig angehen. Die neu gegründete Holding wird erst ab der Saison 2008 vollends in Aktion treten. "Es sei denn, wir können uns doch noch mit Kirch einigen", sagte das bei Mercedes für die Formel 1 zuständige Vorstandsmitglied Jürgen Hubbert. Derweil witzelt man in der Formel 1 mit genüsslicher Schadensfreude, dass die Kirch-Gruppe von Ecclestone für teueres Geld wohl eine leere Schachtel erstanden hätte.

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