Sport : Lehmanns letzte Chance

In Paris kämpft der deutsche Torwart gegen Frankreich und Oliver Kahn

Michael Rosentritt[Paris]

Jens Lehmann hat seine Frau nicht oft mit einer Eintrittskarte für ein Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft versorgt. Das liegt einerseits am nicht sonderlich ausgeprägten Interesse von Frau Lehmann für Fußball. Andererseits gab es selten Gelegenheit, ihren Mann das Tor der deutschen Elf hüten zu sehen. Und wenn es nach der Mehrheit der Deutschen geht, wird es auch nicht mehr viele Gelegenheiten geben. Heute, im Spiel gegen Frankreich im Pariser Stade de France, wird Lehmann das deutsche Tor hüten. Frau Lehmann wird mit im Stadion sitzen. Für ihren Mann wird es vielleicht das letzte Spiel, wohl aber die letzte Chance sein, der gegenwärtigen Entwicklung noch eine entscheidende Wendung zu geben.

Jens Lehmann, der Stammtorwart von Arsenal London, will bei der Weltmeisterschaft 2006 im Tor des Gastgebers stehen. Diesen Platz aber beansprucht auch Oliver Kahn für sich, der vor drei Jahren in Asien das Turnier seines Lebens spielte, nicht weniger prächtig in Form ist und im Rücken die starke Lobby seines Vereins, des FC Bayern, hat. Wenn Jürgen Klinsmann nicht vor 16 Monaten das Amt des Bundestrainers übernommen hätte, gäbe es vermutlich gar keine Torwartdiskussion. Klinsmann aber hat die Rotation auf dieser sensiblen Position ausgerufen, was Lehmann als „nur gerecht“ empfand.

Von den sportlichen Werten her sieht sich Lehmann im Vorteil. Unter Klinsmann hat er neun Länderspiele bestritten, Kahn elf. Prozentual hat Lehmann aber mehr Torschüsse gehalten und weniger Gegentore bekommen (10 zu 17). „Wenn einer besser ist als ich, muss er spielen. Aber wenn ich besser bin, dann, bitte, muss ich spielen“, hat Lehmann gesagt. Dass Lehmann gegen Frankreich spielen darf, entspringt einem vor Monaten von Klinsmann entworfenen Plan, wonach sich beide Torhüter in fast reiner Regelmäßigkeit abwechseln. Dieser Plan sieht auch vor, dass die Rotation erst kurz vor der WM enden soll. Erst im Mai will sich die sportliche Leitung auf die Nummer eins festlegen. „Wir gehen nicht davon aus, dass einer der beiden dann Konsequenzen zieht“, sagt Klinsmann, sondern „dass die Nummer zwei, wer immer es sein wird, diese Rolle akzeptiert.“

Genau das aber wird nicht passieren. Zwar hat Oliver Kahn das so noch nicht gesagt, aber der ebenfalls 36-Jährige geht davon aus, dass „ich bei der WM die Nummer eins werde“. Klinsmann hatte vor den Länderspielen gegen die Türkei und China noch einmal die Reihenfolge bestätigt, wonach Kahn der „Titelverteidiger“ und Lehmann der „Herausforderer“ sei. Gestern nun konterte Lehmann. Er unterstelle jedem Trainer der Welt, dass er nach bestem Gewissen entscheidet, „wie er den sportlichen Wert eines Torhüters für die Mannschaft beziffert“.

Mit dem Spiel in Paris endet das deutsche Länderspieljahr. Das nächste Spiel findet im März in Italien statt. „Was im März ist, damit beschäftige ich mich nicht“, sagt Lehmann, „ich gehe in jedes Länderspiel, als sei es das letzte.“ Lehmann weiß, dass die Hürde, die er im Vergleich zu Kahn zu überspringen hat, weit höher ist. Er hat ein feines Gespür für das, was in Deutschland abläuft, obwohl er in London lebt. Das Spiel gegen Frankreich ist sein letztes Gefecht um die Nummer eins. Er braucht das Spiel, und er braucht ein gutes Ergebnis. Eigentlich braucht er einen Sieg. Ein Sieg der Deutschen gegen eine große Fußballnation (1:0 in England) liegt fast exakt fünf Jahre zurück.

Ein weiteres Mal wird sich Lehmann nicht mit der Reservistenrolle bei einem Turnier begnügen. Sollte Klinsmann sich auf Kahn festlegen, „würde es mir sehr schwer fallen, mich auf die Bank zu setzen, nach allem, was passiert ist“, sagt er. Das müsse nicht „Gültigkeit für die nächsten Monate haben, aber aus dem jetzigen Gefühl heraus ist das so“. Und das jetzige Gefühl ist immer das stärkste. Darum auch die Karte für seine Frau.

Seite 2

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben