Sport : Leichenfledderer sind schon am Werk

Klaus Rümmele

Die einstigen Europapokalhelden vom KSC drohen in der dritten Liga zu versinkenKlaus Rümmele

Dem Karlsruher SC geht es gar nicht gut. Längst weiß die Konkurrenz in der Zweiten Fußball-Bundesliga, wie krank der Patient darniederliegt. Ob er um den KSC-Torhüter Simon Jentzsch buhle, wurde Uwe Rapolder, Trainer des SV Waldhof Mannheim, jüngst gefragt. An solchen Spekulationen wolle er sich nicht beteiligen, antwortete er: "Wir sind keine Leichenfledderer".

Trainer Joachim Löw, der im Oktober gekommen war, die Mannschaft wiederzubeleben, wirkt zusehends wie ein Notarzt, dessen Instrumente und Medikamente versagen. Schönheitsoperationen interessieren ihn schon lange nicht mehr: Statt Viererkette und forschem Pressing übt er die Ordnung im konventionellen 3-5-2-System, statt modernem, begeisterndem Angriffsfußball, den die KSC-Verantwortlichen seinem Vorgänger Rainer Ulrich nicht mehr zugetraut hatten, predigt er Kampf.

Das beherzigte die Mannschaft am Montagabend gegen Waldhof Mannheim zwar, zum ersten Sieg für Löw reichte es dennoch nicht. Nur mit einem Punkt wurde sein Mut belohnt, auf die Jugend zu setzen: Mit Alessandro Caruso und Aydin Cetin standen zwei junge Amateure in der Anfangself. Restlos enttäuscht nach den Niederlagen in Mönchengladbach und bei den Stuttgarter Kickers, setzte Löw dafür gestandene Profis wie Arnold und Braun auf die Tribüne. Und siehe da: Cetin war ein Lichtblick im knarzigen KSC-Spiel. "Es ist schon bezeichnend, wenn die spielerischen Qualitäten eines 19-Jährigen auffallen", bekannte Löw: "Da haben andere einfach große Defizite".

Mit den Umstellungen besänftigte Löw auch die Fans, die über die schlechten Leistungen gestandener Profis beim Spiel in Stuttgart mächtig sauer waren und gedroht hatten, das nächste Auswärtsspiel zu boykottieren und stattdessen die Amateure zu unterstützen: "Wenn ihr absteigt", schrieen sie, "schlagen wir euch tot". Die Spieler standen daraufhin unter Polizeischutz. Gegen Mannheim stimmte die Fans der hohe Einsatz ihrer Mannschaft wieder versöhnlich: "Ehrlichen Fußball", wie sie ihn am Montagabend sahen, honorierten die Anhänger eben, erklärt Vizepräsident Uli Lange.

Und doch wundert man sich angesichts der Gewandtheit und der Spielintelligenz, vor allem aber der Unbekümmertheit Cetins: Warum kam er erst am 21. Spieltag zum Einsatz? "Seit meinem Amtsantritt habe ich schon einige Spieler aus dem Amateurkader eingesetzt", wehrt sich Löw. Das stimmt - schon vor der Winterpause hatte er den jungen Michael Zepek und Marcel Rapp eine Chance gegeben. Und doch beantwortet es nicht die Frage, warum Cetin nicht früher zum Zuge kam, der spielte, als gebe es den Druck gar nicht, mit dem andere Spieler im Team des Tabellenletzten nicht zurechtkommen.

Das Problem ist: Als Löw den Glauben an die Qualität des Kaders verlor, vertraute er nur bedingt den Begabungen aus dem Amateurteam. In der Winterpause setzte er mit der Unterstützung von Sportdirektor Guido Buchwald und dem Präsidium gegen erheblichen Widerstand im Verwaltungsrat die Verpflichtung drei neuer Spieler durch: den Libero Vragel da Silva, den Mittelfeldspieler Eric Edman und den Stürmer Francesco de Napoli. Bislang hat nur da Silva die Mannschaft wirklich verstärkt, Edman ist ängstlich wie viele andere, de Napoli verletzt. Nun muss Löw die Jugendlichen ins Wasser werfen, das dem Team bis zum Hals steht. Die Chance, sie behutsamer einzubauen, hat er in der Winterpause verpasst. So setzte auch Löw den Schlingerkurs fort, den der KSC seit der Entlassung von Winfried Schäfer und dem Abstieg aus der Ersten Liga 1998 fährt: Mehr als 20 Spieler sind seither ge- und verkauft worden. Keine Einheit, nirgends.

Genau das kritisiert der Verwaltungsrat, der es lieber gesehen hätte, wenn Löw noch stärker auf den eigenen Nachwuchs gesetzt hätte. Unter Druck steht aber auch Sportdirektor Buchwald: Er hatte die Maßgabe, Spieler, mit denen Löw nicht plant, an andere Vereine abzugeben, damit sich der Verein aufgrund der Verpflichtungen im Winter nicht zu sehr verschuldet. Gelungen ist ihm das noch nicht. Und auch Präsident Roland Schmider bläst der Wind immer stärker ins Gesicht: Von ihm verlangt der Verwaltungsrat, dass er wieder genauer über die Einkaufspolitik des Vereins wacht. Davon will Schmider nichts wissen - die Verantwortung des Präsidiums liege darin, "die Verträge zu unterschreiben".

Dazu wird es am Montag bei der Generalversammlung einige Fragen geben. Denn unbestritten ist, dass die Misere des Vereins in seiner Konzeptlosigkeit begründet liegt, die seit dem Abstieg vorherrscht. Mit der Brechstange versuchte der KSC schnell ins Oberhaus zurückzukehren, statt die Zweite Liga als sportliche Herausforderung zu begreifen und sie durchdacht anzugehen. Ohne ernsthafte Kontrolle wurde der Einkaufspolitik von Jörg Berger vertraut, das Geld mit vollen Händen für neue Spieler ausgegeben. Die bewährten sich nicht, belasteten den Etat und mussten wieder verkauft werden. Guido Buchwalds Sachverstand sollte solche Pannen verhindern: Doch auch dem Sportdirektor, der seit einem halben Jahr amtiert, gelang es nicht, eine Mannschaft zu formen.

Der Weg zurück in die Bundesliga ist weiter, als es sich die Verantwortlichen des KSC vorgestellt haben. Die Hoffnung, dass sich der Umweg über die Regionalliga vermeiden lässt, ist gering, so Löw. Schmider und Buchwald geben zu, zweigleisig zu planen. Entscheidend aber ist, dass statt an die Stelle der Hauruck-Methoden ein zumindest mittelfristiges Konzept tritt. Ob es dazu kommt, wird vielleicht schon der Montagabend zeigen. Denn bei der Versammlung soll auch diskutiert werden, ob der Verein auf die Jugend setzt oder mit einem Rechtevermarkter kooperiert.

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