Sport : Leichtathletik: Abstecher ins Weiße Haus

Stefan Liwocha

So sehen eigentlich Sieger aus. Sie lächeln, winken ins Publikum und geben nach dem Rennen sofort TV-Interviews. Alan Webb war soeben bei den US-Leichtathletik-Meisterschaften nur Fünfter im Finale über 1500 Meter geworden, und damit hatte er die Qualifikation für die Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Edmonton verpasst. Dennoch feierten ihn die Fans in der Ostkurve des Hayward Fields mit lauten "Webb-Webb-Webb"-Rufen, und 9118 Zuschauer applaudierten ihm. Da Webb als Fünfter aber schlecht eine Ehrenrunde laufen konnte, spazierte er nur die 50 Meter zum Fan-Gesangsverein, dessen Mitglieder ihm ein riesiges Plüschtier überreichten. Das WM-Ticket wäre ihm lieber gewesen. "Ich bin natürlich ein wenig enttäuscht, aber es war heute einfach nicht mein Tag", sagte der Verlierer, der keiner war. Ansonsten hätte ihn der PR-Stab des US-Verbandes kaum als ersten Läufer ins Medienzelt geführt.

Es glich dem Presseraum des Weißen Hauses. Unzählige Kameramänner drängelten sich nach vorne, Mikrofone ragten wie Speerspitzen aus dem Gewühl heraus, und dann rollten die Reporterfragen wie eine Lawine heran. Doch Webb meisterte den Auftritt wie ein alter Hase, obwohl er gerade mal 18 Jahre alt ist. "Ich habe bewiesen, dass ich vorne mitmischen kann. Dies ist keine Blamage", meinte der Teenager lächelnd.

Vor einem Monat an gleicher Stelle hatte er ganz andere Emotionen gezeigt. Bei den Prefontaine Classic war Webb im Meilenrennen ebenfalls nur als Fünfter durchs Ziel gelaufen, doch seine Zeit von 3:53,43 Minuten hatte eine ganz andere Dimension gehabt. Damit brach der Schüler aus Reston (Virginia) den 36 Jahre alten High-School-Rekord von Jim Ryun (3:55,3) und öffnete ein neues Kapitel in den verstaubten amerikanischen Mittelstrecken-Annalen. Euphorie und kein Ende, Millionen schlossen den neuen Star über Nacht ins Herz.

Die drei großen US-TV-Stationen luden den Teenager ins Frühstücksfernsehen ein, Zeitungen, Magazine und Radiostationen rissen sich um Interviews. "Es war ein verrückter, aber schöner Monat", sagte Webb, der sogar Präsident Bush im Weißen Haus traf. Die Medien feierten ihn als "die Zukunft der US-Leichtathletik" ("USA Today").

Bei den US Championships in Eugene, gleichzeitig die Ausscheidungswettkämpfe für die WM in Edmonton (3. bis 12. August), sollte das Märchen jetzt eine Fortsetzung finden und den Trials am dritten Tag den ersehnten ersten Knalleffekt geben. Denn zuvor hatte das nationale Gipfeltreffen weniger von Spannung als von Kontroversen und geplatzten Träumen gelebt. Weltrekordler Maurice Greene lief zwar im Vorlauf über die 100 Meter in 9,90 Sekunden eine Jahresweltbestzeit, verabschiedete sich aber danach sehr zum Ärger der Zuschauer von den Meisterschaften. "Ich habe mich an die Regeln gehalten", meinte der Olympiasieger, der zwar für die WM eine Wild Card besitzt ist, aber nach einer Auflage des US-Verbands USATF in einer Disziplin starten musste. Das Finale gewann Tim Montgomery (9,95 Sekunden/unzulässiger Rückenwind). Da ein enttäuschter Dennis Mitchell als Vierter (10,07) die WM-Qualifikation verpasste, verkündete der 35-Järige, "meine letzten US-Meisterschaften gelaufen zu sein".

Doch die Oldies der US-Leichtathletik feierten in Eugene auch ein Erfolgserlebnis. Der 36-Jährige Kip Janvrin wurde mit 8241 Punkten neuer Zehnkampf-Meister, womit er zum ältesten nationalen Champion aller Zeiten aufstieg. Eine respektable Leistung, aber eben auch kein absolutes Highlight. Das lieferten ebensowenig zwei Olympiasieger, wenngleich Angelo Taylor im Finale über 400 Meter Hürden (48,53 Sekunden) und Marion Jones im 200 Meter-Halbfinale (22,23) Jahresweltbestzeiten produzierten. Was blieb war Webb. Wegen des 18-Jährigen wurde extra der Zeitplan der Meisterschaften durcheinandergewirbelt, damit der Kabelkanal ESPN den 1500 Meter-Lauf live übertragen kann. Doch die 3:38,50 Minuten waren zuwenig, um der nationalen Webb-Manie neue Nahrung zu geben. "Keine Sorge, ich werde noch eine ganze Weile laufen und auch Schlachten gewinnen", sagte Webb, der sich selbst noch "als kleines Kind" bezeichnet. Und die können schließlich nicht jeden Tag für Wunder sorgen.

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