Leichtathletik : Christian Reifs mühsamer Sprung nach vorn

Weitsprung-Europameister Christian Reif hat nach einer Verletzung Probleme, seine Form zu erreichen. Bei der WM im August will er eine Medaille gewinnen.

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Kurzer Flug. Beim Wettkampf in Innsbruck vor dem Goldenen Dachl konnte Christian Reif überhaupt nicht überzeugen.
Kurzer Flug. Beim Wettkampf in Innsbruck vor dem Goldenen Dachl konnte Christian Reif überhaupt nicht überzeugen.Foto: dpa

Berlin - Christian Reif steht jetzt schon seit 40 Minuten an einem Bistro-Tischchen, doch nicht ein Mal haben seine Augen gezuckt. Bei ihm ist das eine interessante Beobachtung. Denn die jüngere Vergangenheit des Weitspringers Christian Reif lässt sich in die Zeit vor und die nach dem Augenzucken einteilen. Vor der EM 2010 in Barcelona, da zuckte sein Auge wie wild. Die Nervosität, der ganze Druck entluden sich in diesem nervösen Zucken. Er reiste als Europas bester Weitspringer 2010 zur EM, er sollte eine Medaille holen.

Er gewann Gold mit 8,47 Meter. Danach war das Zucken weg.

Es kam auch nicht wieder, und das hat viel damit zu tun, dass Reif sich nach seinem Erfolg in der Öffentlichkeit nicht als Star präsentieren musste. Im November verletzte er sich beim Treppensteigen am rechten Fuß, war wochenlang verletzt, musste Hallen-Starts streichen und konnte auch keine PR-Termine als Europameister absolvieren. Das ist ein durchaus wichtiger Punkt.

Betty Heidler hatte nämlich dieses Programm absolviert. Sie war Weltmeisterin im Hammerwerfen geworden, sie ließ sich, berauscht von der neuen Bedeutung, von PR- und Gratulationsterminen vereinnahmen. Training degenerierte zur Nebensache, Heidler landete im sportlichen Tief. Gut, sagt Reif, „ich wäre sowieso nie Terminen hinterhergehetzt, ich will ja das Zucken nicht wieder haben“. Aber die Verletzung sorgte definitiv dafür, dass dies nicht bloß ein netter Spruch blieb.

Reif muss jetzt allerdings eine andere Frage klären: Wie kommt er möglichst bald wieder in Bestform? Ihm fehlen Trainingsmonate, sein Auftritt in Innsbruck Anfang Mai „war mein schlechtester Wettkampf seit zwei Jahren“. Das machte der 26-Jährige den Zuschauern auch sehr deutlich. Jetzt, bei einem Sponsorentermin in Berlin, sagt er: „Wäre ich Zuschauer gewesen, hätte ich gesagt: Was ist denn das für ein Idiot? Wenn er sich so aufregt, kann doch sowieso nichts dabei herauskommen.“ In Hengelo, kurz zuvor, war er immerhin noch 7,99 Meter gesprungen. So gut ist er noch nie in die Saison gestartet, er ist auch derzeit so schnell wie selten zuvor. Nur nützt das wenig, wenn er technisch patzt.

Am Donnerstag sprang Reif beim Diamond-League-Meeting in Oslo. Er sprang nur 7,71 Meter, er sucht noch seine Form. Andererseits, er hat ja noch ein wenig Zeit. Am 2. Juli findet das Meeting in Langensalza statt, erst „bis dahin muss ich wieder topfit sein“. Überhaupt, Oslo. Die Stadt ist ein Synonym für die neue Bedeutung des Christian Reif. Als Europameister wird er jetzt zu allen Diamond-League-Wettbewerben eingeladen, Hotel, Flug, alles bezahlt. „Davon konnte ich früher nur träumen.“

Das Logo einer Bank prangt auch seit seinem EM-Triumph auf seinem Hemd, das Unternehmen hat den Vertrag noch kurz vor Reifs Auftritt im „ Sportstudio“ abgeschlossen. Der Europameister wird in Berlin beim Istaf starten, da verdient er nun mehr als früher, eine Dinner-Show mit C-Promis wollte ihn (er lehnte dankend ab), aber der große Härtetest, der kommt erst noch. Reif muss seine Leistung von Barcelona bestätigen, zumindest annähernd, dann erst gilt der Titel von 2010 nicht als Ausreißer nach oben.

Die WM findet Ende August statt, eine Medaille, sagt Reif, „ist mein Ziel“. Alles andere würde man ihm auch nicht abnehmen. Das bedeutet natürlich andererseits, dass Reif mit mehr Druck umgehen muss. „Die Konkurrenz ist unglaublich gut“, sagt er. „Es gibt in der Spitze viele gute Leute.“ Wenn er sich auf 8,20 Meter stabilisiert, „dann wäre ich schon froh“.

Angeblich will sich auch Usain Bolt mal im Weitsprung versuchen, der 100-Meter-Weltrekordler. Okay, soll er doch, sagt Reif lächelnd. Mag ja sein, dass Bolt vor dem Brett ein bisschen schneller ist als er, aber dann müsste der Jamaikaner diese Geschwindigkeit erst mal in einen optimalen Absprung umsetzen. Und das ist nicht so einfach. Thema also abgehakt. Reif hat genügend Konkurrenten, die muss er nicht noch um einen virtuellen Gegner ergänzen. „Ach, wenn Bolt springen würde“, sagt er, „wäre mir das relativ egal.“

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