Sport : Leichtathletik: Die Einsamkeit des Langstreckenläufers

Jörg Wenig

Damian Kallabis denkt nicht zurück. "Was wäre gewesen, wenn? Das bringt mich nicht weiter." Gleich am ersten Hindernis war in Sydney der Traum von der olympischen Medaille geplatzt. Der Europameister stolperte und lief dem Feld hinterher. Heute wird Damian Kallabis in Nürnberg zum ersten Mal seit jenem olympischen Finale wieder über 3000 m Hindernis an den Start gehen. Zwischen Sydney und Nürnberg gab es für den 28-jährigen Läufer des SC Charlottenburg allerdings trotzdem Hindernisse.

Das größte Problem war die Trainingsgruppe des Läufers, die nicht mehr existierte, als Damian Kallabis nach einem Urlaub und einem Praktikum in der Marketingabteilung eines Münchener Unternehmens wieder nach Potsdam zurückgekehrt war. Sein Coach und Trainingspartner Stéphane Franke hatte nach Beendigung der eigenen Läuferkarriere keinen entsprechenden Job gefunden. Weder der SCC noch der Berliner oder der Deutsche Leichtathletik-Verband konnten Franke als Trainer finanzieren. "Das kam nicht ganz überraschend, denn wir hatten schon in Sydney über die Problematik gesprochen. Und mit der Zeit haben wir gesehen, dass es nichts wird", erzählt Damian Kallabis. Das klingt nüchtern, doch andererseits sagt der Hindernisläufer auch: "Ich habe der Trainingsgruppe viel zu verdanken - ohne sie wäre ich nicht so weit gekommen. Wir haben etwa die Hälfte des Jahres zusammen verbracht, es war wie eine Familie." Hauptsächlich mit Stéphane Franke und Jirka Arndt, der in Sydney über 5000 m Achter geworden war, war Damian Kallabis um die Welt gereist - von Trainingslagern in Kenia, Amerika und Australien bis nach Sydney.

Nun hatte Franke aufgehört, Arndt kehrte zu seinem alten Trainer Axel Pohlmann zurück, und Kallabis stand alleine da. "Es war klar, dass ich mir eine andere Trainingsgruppe suchen musste", sagt Kallabis, doch eine Ideallösung gibt es bis heute nicht. Obwohl er sich mit dem Hindernis-Bundestrainer Dieter Hermann arrangierte und damit die sicher bestmögliche Variante wählte. Wie erfolgreich der Thüringer Coach sein kann, zeigt nicht zuletzt das Beispiel Nils Schumann, der von Hermann zum Olympiasieg geführt wurde. Manchmal ist es trotzdem wie ein Wechsel von einer familiären Laufgemeinschaft in die Einsamkeit des Langstreckenläufers. Denn bei den Dauerläufen in Potsdam fehlen die Partner. "Neulich habe ich zwei Wochen alleine trainiert - das war etwas frustrierend."

Zuvor war er mit Dieter Hermann ins Trainingslager nach Kenia gefahren. Damian Kallabis fühlte sich fit, doch als er nach Hause kam, lief nichts mehr. Statt zum Tempotraining auf die 400-m-Bahn, ging der Potsdamer zu Untersuchungen ins Tropeninstitut. Ein Virus ließ vier Wochen lang nur Dauerläufe zu. "Erst seit drei Wochen kann ich wieder richtig trainieren", sagt Damian Kallabis.

Der Europameister und Weltcupsieger des Jahres 1998, WM-Vierte von 1999 und deutsche Rekordhalter (8:09,48 Minuten/1999) steht deswegen vor einer ungewohnten Situation. Er beginnt die Saison ohne Aufbaurennen bestritten zu haben. Deshalb kann Kallabis auch nicht richtig einschätzen, in welcher Form er ist. "8:20 Minuten zu laufen, das wird sehr schwer", sagt Damian Kallabis, der zunächst kleinere Hindernisse meistern möchte. "Wenn ich bester Deutscher werde, wäre das ein guter Auftakt." Damit hätte sich Damian Kallabis immerhin für den Europacup nächste Woche in Bremen qualifiziert.

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