Sport : Leichtathletik: Die letzte Chance

Jörg Wenig

Ein Quintett rennt am Freitagabend beim Istaf im Olympiastadion 19 Tage nach dem Ende der Weltmeisterschaften nochmals um Gold: Nach sechs von sieben Golden-League-Meetings der Leichtathleten haben der 800-m-Läufer André Bucher (Schweiz), der 1500-m-Weltmeister Hicham El Guerrouj (Marokko), der Hürdensprinter Allen Johnson (USA), die 800-m-Läuferin Stephanie Graf (Österreich) und die umstrittene 5000-m-Weltmeisterin Olga Jegorowa (Russland) noch die letzte Chance, sich mit dem fünften Sieg ihren Anteil am Jackpot der Golden League zu sichern. Dieser ist mit 50 Kilogramm Gold dotiert und hat einen Wert von etwa einer Million DM.

Zwei Athletinnen haben sich ihren Gold-Anteil schon vor dem Finale in Berlin gesichert: Die rumänische 1500-m-Läuferin Violeta Szekely hat als Einzige bisher bei allen sechs Golden-League-Meetings gewonnen, und Marion Jones hielt exakt ihren persönlichen Zeitplan ein. Mit dem fünften 100-m-Sieg in Brüssel stellte die US-Amerikanerin am vergangenen Freitag sicher, dass sie am Jackpot partizipiert. Ein Start beim Istaf ist für sie schon seit einigen Wochen kein Thema mehr. "Ich laufe nur noch in Zürich, Brüssel und bei den Goodwill Games", hatte sie bereits nach ihrem 200-m-Sieg bei der WM in Edmonton erklärt. Dass ein angeblich unterschriftsreifer Vertrag nicht zu Stande kam, dürfte auch mit einem im Vergleich zum Vorjahr deutlich geschrumpften Istaf-Etat zusammenhängen. Als ihr Name in der vergangenen Woche bei einer Pressekonferenz trotzdem noch in einer Istaf-Startliste auftauchte, war das offenbar ein interner Fehler, wie an der Reaktion des neuen Meeting-Direktors Stéphane Franke zu erkennen war. Eine Golden-League-Siegerin, die im Finale der Serie gar nicht mehr dabei ist, spricht nicht für das System. Das wissen auch die Verantwortlichen beim Internationalen Leichtathletik-Weltverband (IAAF). Es ist ein Grund, der die Funktionäre dazu veranlasst, für das nächste Jahr gravierende Änderungen zu planen. So soll die Serie auf fünf Meetings reduziert werden. Zudem dürfte es am Freitag das letzte Mal sein, dass beim Istaf das Finale stattfindet. Dieses dürfte ab 2001 in das Grand-Prix-Finale integriert werden, das dann eher im südeuropäischen Raum stattfinden wird.

Wie die Starterfelder im Sprint beim Istaf letztlich besetzt sein werden, muss man abwarten. Vielversprechend ist dagegen der kurzfristig anstelle der Meile ins Programm genommene 2000-m-Lauf mit Hicham El Guerrouj. Der Marokkaner will seinen vor zwei Jahren im Olympiastadion aufgestellten 2000-m-Weltrekord angreifen. Über die selten gelaufene Strecke steht seine Bestmarke bei 4:44,79 Minuten. Wenig sprach bis zum vergangenen Freitag dafür, dass Hicham El Guerrouj in Rekordform sein könnte. Doch in Brüssel verpasste der Marokkaner dann über 1500 m mit 3:26,12 Minuten seine drei Jahre alte Weltbestzeit nur um zwölf Hundertstelsekunden. Wenn er am Freitag in dieser Form auch in Berlin an den Start geht, ist seine 2000-m-Zeit in Reichweite. So könnte Hicham El Guerrouj für das sportliche Highlight des Abends sorgen, der mit dem Abschied von Michael Johnson (USA) zu Ende gehen wird. Der mehrfache Olympiasieger startet als Schlussläufer in einer so genannten Schwedenstaffel. Jedes Team läuft über 100, 200, 300 und 400 m, doch dieser Wettbewerb wird sportlich keine Bedeutung haben.

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