Sport : Leichtathletik: Digel und das Ende des türkischen Basars

Frank Bachner

Manchmal stellte man sich die Sitzungen ja richtig spannend vor. So etwa: Da sitzen erwachsene Männer und würfeln. Jeder kommt mal dran, und wer gewonnen hat, darf unter dem Murren der anderen mit zufriedenem Lächeln sein Urteil verkünden. Ja, genau so könnte es früher gewesen sein beim Internationalen Leichtathletik-Verband IAAF. Nur so sind die seltsamen IAAF-Entscheidungen zu erklären. Urteile, die keinen Regeln folgten, sondern nur noch Kopfschütteln hervorriefen. Oder Lachen. Weshalb wurde die Strafe des koksenden Hochsprung-Weltrekordlers Javier Sotomayor regelwidrig von zwei Jahren auf zwölf Monate reduziert? Weil, so die IAAF, der Kubaner sich um die Leichtathletik verdient gemacht habe. Donnerwetter, wieder ein Geheimnis gelüftet. Aber dafür blieb ja erst mal der Name Tim Lobinger geheim. Obwohl das genauso regelwidrig war. Der deutsche Stabhochspringer hatte eine positive A-Probe, doch der Fall wurde nicht öffentlich gemacht. Der IAAF-Generalsekretär Gyulai hatte plötzlich den "Persönlichkeitsschutz" entdeckt.

Helmut Digel, der größte Kritiker der IAAF, ist jetzt die Nummer zwei dieses Verbands. Ein Hoffnungsschimmer. Die schlimmsten Veranstaltungen der IAAF-Mächtigen könnten nun zu Ende sein. Fraglich allerdings, wie weit seine Macht reicht. Schließlich arbeitet er weiter mit Funktionären, welche die eigenen Regeln bislang als unverbindliche Empfehlungen betrachteten. Immerhin: Mit der Abschaffung des IAAF-Schiedsgerichts, das genauso unverständlich urteilte, besteht die Chance einer gewissen Verlässlichkeit der Rechtsprechung. Jetzt endlich entscheidet letztlich der Sportgerichtshof CAS über IAAF-Sanktionen, auch in Dopingfällen. Nur schade freilich, dass sich die IAAF umbenennt. In Insiderkreisen übersetzte man IAAF als Abkürzung für türkischen Basar. Das hatte gepasst.

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