Leichtathletik : Ein Sünder greift an

Ex-Doper Dwain Chambers könnte EM-Gold über 60 Meter holen – doch sein Buch interessiert mehr.

Jörg Wenig[Turin]
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Provozierendes Kraftpaket. Dwain Chambers sorgt dafür, dass sich zu Hause in Großbritannien die Freude über eventuelle Erfolge in...

Vielleicht gewinnt Dwain Chambers ja Gold. Der Brite ist Titelfavorit bei der Hallen-Leichtathletik-Europameisterschaft in Turin über 60 Meter, am Sonntag könnte der frühere Dopingsünder oben auf dem Podest stehen. Doch seine Glücksgefühle würden wohl bald verschwinden. Denn am Montag wird er vermutlich viel an Respekt einbüßen. An diesem Tag erscheint sein Buch „Race Against Me: My Story“.

In den vergangenen Tagen druckte die Zeitung „Daily Mail“ vorab Auszüge. Nun weiß jeder, dass der 30-Jährige nicht nur seine Dopingvergangenheit offenlegt, sondern auch Lauflegende Sebastian Coe – heute Organisationschef der Olympischen Spiele in London – und die britische 400-Meter-Olympiasiegerin Christine Ohuruogu angreift. Das dürfte nicht jedem gefallen. Vor allem Angriffe gegen Coe wegen dessen Privatleben kommen wohl nicht so gut an.

Im Detail beschreibt Chambers aber auch sein Leben, als er dopte. „Ich wollte der Beste in der Welt werden“, erklärt er. Deshalb ging er 2002 zu Trainer Remi Korchemny in die USA. Der Coach arbeitete mit Victor Conte zusammen. Der Chef des Balco-Labors versorgte etliche Topathleten mit unerlaubten Mitteln.

Chambers steckte schnell im Dopingsumpf. 2002 hat der Brite, der in jenem Sommer 100-Meter-Europameister wurde, 300 verschiedene Dopingcocktails genommen, sie kosteten 30 000 US-Dollar. Als er sich jedoch mit Magenschmerzen krümmte, stellte sich die Sinnfrage. „Als ich sauber war, stand meine 100-Meter-Bestzeit bei 9,97 Sekunden. Nach einem Jahr mit schlaflosen Nächten, Ängsten und Krämpfen … stand sie bei 9,87. ... Wahrscheinlich hätte ich das auch auf natürlichem Weg erreicht.“ Doch Chambers dopte weiter. „Ich hatte einen Vertrag mit einem Sponsor über insgesamt 200 000 Pfund – die Summe würde sich halbieren, wenn ich nicht unter den schnellsten drei wäre.“

Im August 2003 wurde Chambers positiv getestet und zwei Jahre gesperrt. 2006 kam er zurück und gewann bei der EM mit der britischen 4-x-100-Meter-Staffel. 2008 qualifizierte er sich für die Hallen- WM, bei der er Silber gewann. Als ehemaliger Dopingsünder durfte er jedoch nicht mit dem britischen Team zu den Olympischen Spielen. Und da die führenden europäischen Meetingveranstalter keine Dopingsünder verpflichteten, hatte Chambers fast keine Einnahmen.

Die Biografie dürfte zwar seine finanzielle Lage verbessern. Aber sie bereitet ihm möglicherweise auch neue Probleme mit den Anwälten von Ohuruogu. Der Sprinter beschuldigt sie des Dopings, obwohl sie nicht positiv getestet wurde. Aber sie hatte drei Kontrollen verpasst. Die Athletin wurde 2006 deswegen ein Jahr gesperrt. Vor Turin hatte der britische Cheftrainer Charles van Commenee den Sprinter noch aus der Schusslinie genommen. „Es gibt jetzt eine neue Situation, und wir müssen das alte Kapitel schließen“, sagte er. Doch Chambers veröffentlicht gerade ein neues Kapitel.

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