Leichtathletik : Ein Test, zwei Geschlechter

Die südafrikanische Läuferin Caster Semenya soll ein Zwitter sein.

Wolfgang Drechsler[Kapstadt]
Semenya
Caster Semenya -Foto: ddp

Der Streit um das Geschlecht der südafrikanischen 800-Meter-Läuferin Caster Semenya schlägt sowohl in ihrer Heimat als auch in der Leichtathletikwelt hohe Wellen. Gestern drohte Südafrikas Sportminister Makhenkesi Stofile damit, sein Land werde dem Leichtathletik-Weltverband IAAF „den Krieg erklären“, wenn dieser die Goldmedaillengewinnerin wegen ihres vermutlichen Zwitterstatus tatsächlich von internationalen Wettkämpfen ausschließe. „Wir werden bis zur höchsten Instanz gehen, um eine solche Entscheidung anzufechten“, drohte Stofile. Denn selbst wenn Semenya ein Zwitter sei, wäre dies völlig unerheblich. „Wo ist der wissenschaftliche Nachweis dafür, dass solche Menschen einen Vorteil haben?“ fragte Stofile.

Tags zuvor hatte ein offenbar auf Insiderinformationen beruhender Bericht des australischen „Daily Telegraph“ im Fall Semenya für Aufruhr gesorgt. Demnach hat eine vor dem Wettkampffinale in Berlin an der Läuferin vorgenommene Geschlechteruntersuchung ergeben, dass Semenya weder eine Gebärmutter noch Eierstöcke, aber interne Hoden hat. Dies hätte zur Folge, dass die 18-Jährige etwa dreimal soviel Testosteron wie eine „normale“ Frau habe.

Weiter schrieb die Zeitung, es gebe deutliche Hinweise darauf, dass Semenya ein Hermaphrodit (Zwitter) sei – also eine Person mit männlichen wie weiblichen Charakteristika. Aus diesem Grund sei der IAAF womöglich bereit, die Südafrikanerin von internationalen Wettkämpfen auszuschließen. Selbst die Rücknahme der Goldmedaille oder die Vergabe einer weiteren Goldmedaille an die Zweitplatzierte würden erwogen.

Der IAAF wollte zu dem Bericht zunächst keine Stellung nehmen, da dieser nicht auf offiziellen Angaben beruhe. Stattdessen bekräftigte IAAF-Sprecher Nick Davies, dass der IAAF seinen Bericht wie zuvor geplant erst nach Rücksprache mit Semenya Ende November vorlegen werde. Ihre Mutter bezichtigte die Medien, der Familie durch die fortgesetzte Berichterstattung über das Geschlecht ihrer Tochter „großen Schmerz“ zuzufügen. „Warum bringt purer Neid einige Menschen dazu, solch hässliche Dinge zu sagen?“ sagte sie der Johannesburger Zeitung „The Times“.

IOC-Präsident Jacques Rogge hat sich angesichts der durchgesickerten Berichte für mehr Anonymität und Diskretion ausgesprochen. „Das ist etwas, das die innerste Seele eines Menschen berührt. Die psychologischen, aber auch die sozialen Konsequenzen sind wirklich gewaltig“, sagte der Chef des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). „Das ist ein sehr schwieriger Fall“, betonte der Belgier. „Das wird alles auf dem Rücken eines Menschen ausgetragen“, beklagte IAAF-Councilmitglied Helmut Digel. „Das ist ein Problem aller Sportarten, wie wir mit dem dritten Geschlecht umgehen.“ Im Regelwerk gebe es dazu keine Bestimmungen. Der Tübinger Sportsoziologe sagte aber, dass der IAAF noch keine schriftlichen Ergebnisse des Geschlechts-Test vorliegen.

In Südafrika hatten die Berichte für Empörung gesorgt. Ein Parlamentarier des regierenden ANC sprach sich dafür aus, den IAAF wegen der schäbigen Behandlung Semenyas zu verklagen. Vehement verteidigte Winnie Madikizela Mandela, die Ex-Frau des früheren Präsidenten Nelson Mandela, die Sportlerin: Südafrika müsse fest hinter Semenya stehen, weil diese ein Opfer der Umstände sei. Vieles deutet zudem darauf hin, dass Südafrikas Verbandsfunktionäre ein doppeltes Spiel mit der Läuferin gespielt haben. In dem Wissen um ihr männliches Aussehen ließen sie die 18-Jährige angeblich schon lange vor der WM ohne deren Wissen untersuchen. Dies bestätigte ihr Ex-Trainer Wilfred Daniels, als er vor wenigen Tagen seinen Rücktritt einreichte. Das inoffizielle Ergebnis des südafrikanischen Testes wird nun offenbar durch den IAAF-Bericht bestätigt.Seite 3

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