Leichtathletik-EM : Auf der Kippe

In Paris wird eine alte Frage neu aufgeworfen: Sollen die Sportler lieber regenerieren oder in der Halle auf Medaillenjagd gehen?

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4,80 Meter waren zu viel, so hoch konnte sich Silke Spiegelburg an diesem Tag nicht katapultieren. Aber immerhin, 4,75 Meter bewältigte die Leverkusenerin, das reichte zu Silber im Stabhochsprung bei den Hallen-Leichtathletik-Europameisterschaften in Paris. Beachtlich, immerhin hatte sie kurz zuvor noch unter einer Viruserkrankung gelitten. Doch einen Virus bekommt man in Griff, das ist nichts Langwieriges. Da musste Herbert Czingon nicht groß nachdenken.

Aber als Fabian Schulze sprang, da blickte der Chef-Bundestrainer für die technischen Disziplinen skeptischer. Schulze hatte schon bei der Qualifikation Achillessehnenbeschwerden. Bei ihm hatte Czingon stärker das Gefühl, es steht „auf der Kippe“. Anders gesagt: Macht der Start wirklich Sinn? Schulze wurde mit 5,51 Metern Sechster.

Zehn Medaillen holten die Deutschen bei der Hallen-EM. Das freut Czingon natürlich. Andererseits steht er wieder mal vor der Frage: Wann ist es für Athleten besser zu regenerieren, statt bei einem Wettkampf zu starten? Ist eine Hallen-EM den Einsatz wert? Wer zu viel will, verletzt sich schneller.

„Gerade die Stabhochspringer nehmen ja alles mit, Halle und Freiluftsaison“, sagt Czingon. Entsprechend groß ist das Verletzungsrisiko. „Mir kommt die Regeneration grundsätzlich eher noch zu kurz“, sagt er. „Wir müssen da die Athleten noch mehr durchdringen.“ Letztlich aber entscheidet der Sportler.

Viele verzichten auf die Hallensaison, aber viele lockt auch die Aussicht auf einen guten Platz, sogar eine Medaille bei einer Hallen-EM. Die ist in einigen Disziplinen relativ leicht zu bekommen. „Gemessen an allen Top-Meisterschaften hat sie den niedrigsten Stellenwert“, sagt Czingon. Die Medaillenbilanz ist da für ihn nachrangig. „Wir Trainer sind selbstbewusst genug, dass wir Athleten nicht zum Maximum treiben.“

Vielleicht hätte Sprint-Europameisterin Verena Sailer von vornherein eine Pause einlegen sollen. Stattdessen wollte sie unbedingt in Paris starten. Und jetzt? Jetzt musste sie wegen hartnäckiger Rückenbeschwerden doch verzichten. Stabhochspringer Alexander Straub ist in dieser Hallen-Saison erst gar nicht aufgetreten. Er leidet unter Achillessehnenbeschwerden; wegen der gleichen Diagnose musste er schon die Freiluftsaison 2010 abbrechen. „Da darf man einfach nicht zu früh belasten“, sagt Czingon.

Schon 2010, nachdem reihenweise Athleten verletzt ausgefallen waren, hatte er erklärt: „Es gibt mehr Probleme, Verletzungen auszuheilen, als wir erwartet hatten. Wir dürfen nicht jeden Höhepunkt mit aller Macht ansteuern wollen.“ Ob die Hallen-EM späte Opfer fordert, Athleten also, die an den Folgen ihres Einsatzes leiden werden, wird er erst in ein paar Wochen feststellen.

Andererseits bietet eine Hallen-EM auch die Chance, Wettkampfhärte zu steigern. Es gibt Athleten, die brauchen jede Chance dazu. Katja Demut, die Dreispringerin aus Jena, fällt Czingon da ein. Die startete als Weltjahresbeste in Paris. Sie galt als Medaillenkandidatin, sie stand unter Druck.

Der Druck war zu groß. Katja Demut schied schon in der Qualifikation aus.

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