Leichtathletik : Ende der Ein-Mann-Show

Sprint-Weltmeister Gay beeindruckt in Rom und scheint nun dem Olympiasieger Bolt ebenbürtig zu sein.

Friedhard Teuffel[Rom]
Gay
Sprinter-Zweikampf. In Rom distanzierte 100-Meter-Weltmeister Tyson Gay (r.) aus den USA den Jamaikaner Asafa Powell. -Foto: dpa

Sein Tempo hatte Tyson Gay nicht so berauscht, dass er die guten Umgangsformen vergessen hätte. Auf der Rückfahrt vom Olympiastadion in Rom ins Hotel stand der Amerikaner im Bus für eine junge italienische Veranstaltungshelferin auf und bot ihr den Fensterplatz neben sich an. Die Helferin saß nun neben dem schnellsten Mann des Abends, und vor ihr auf der Ablage stand der Pokal für dessen Sieg beim Meeting der Golden League.

Der schnellste Mann des Abends ist zugleich der bisher schnellste Mann des Jahres. Nach 9,77 Sekunden war er durchs Ziel gerast, genauso flink wie seine bisherige Bestzeit über 100 Meter, die zugleich auch der Rekord der USA ist. „Ich bin zufrieden, so hatte ich das eigentlich erwartet, weil ich hundertprozentig gesund bin“, sagte Gay im Bus. Bei den amerikanischen Meisterschaften, den Trials, hatte er vor einigen Wochen zwar zwei Hundertstel weniger benötigt, aber dafür mit einem unfreiwilligen Helfer, dem Wind. Mit seiner römischen Zeit hat Gay nun vor allem eins gezeigt: Das Rennen gegen Usain Bolt aus Jamaika ist wieder offen.

Das kann dem Sprint nur guttun, denn seit Bolts Sieg bei den Olympischen Spielen schien das größte Spektakel der Leichtathletik schon zu einer Ein-Mann-Show zu veröden, mit welchen Mitteln auch immer der Jamaikaner sich diesen Vorsprung erlaufen haben mag. Aber auch der Inhaber des Weltrekords braucht einen Herausforderer, schon der Spannung wegen. Und Tyson Gay hat am Freitagabend demonstriert, dass er das Zeug zum Verfolger hat, im Moment noch mehr als der Jamaikaner Asafa Powell, dessen 9,88 Sekunden nach einer Knöchelverletzung jedoch ebenfalls eine beachtenswerte Marke sind.

Wenn es nach Gay geht, ist er selbst ohnehin kein Verfolger. Der 26 Jahre alte Amerikaner wird schließlich als Titelverteidiger zu den Weltmeisterschaften im August nach Berlin kommen. Über 100 und 200 Meter und auch noch in der Sprintstaffel hatte er vor zwei Jahren in Osaka Goldmedaillen gewonnen. Sein Ziel für Berlin? „Meine Titel zu verteidigen“, sagt er. Und als er gefragt wird, ob es möglich sei, schneller als Bolt zu laufen und sogar den Weltrekord zu brechen, sagt er einfach: „Yessss.“

Es ist nicht das aufgeplusterte Yes, das man von Sprintern gewohnt ist, denn es schwingt noch ein bisschen Belustigung mit, der 100-Meter-Lauf mit all seinem Gehabe drumherum ist eben das vielleicht schnellste Unterhaltungsstück der Welt. Die Chance, seine Titel zu verteidigen, liege bei 100 Prozent, sagt er. Obwohl er weiß, dass er möglicherweise sogar einen Weltrekord laufen muss, um Usain Bolt und dessen Bestmarke von 9,69 Sekunden zu besiegen. Vergessen ist bei Gay offenbar, dass er bei Olympia in Peking schon im Halbfinale ausgeschieden war. „Ich hätte vorher mehr Rennen gebraucht“, daran habe es in Peking gelegen. Wenn es wirklich daran gelegen haben sollte, dann wird es in Berlin nichts mit der Titelverteidigung. Derzeit hat er nur vor, bis zur WM noch an zwei Meetings teilzunehmen, in Stockholm und in London. Nach London will auch Bolt kommen, doch Gay legt es nicht auf eine Begegnung über 100 Meter an. „Ich werde die 200 rennen“, sagt er. Ansonsten bleibt er bis zur WM in Deutschland. „Ich werde trainieren, im Münchner Olympiastadion“, sagt er. Eine spezielle Trainingsgruppe habe er sich nicht zusammengestellt, er schaue, was sich ergibt.

Wie sehr er sich nicht nur auf sich selbst konzentriert, sondern auch auf Bolt schielt, hat Gay noch nicht durchblicken lassen. Er sagt einerseits: „Bolt ist einfach ein Konkurrent wie alle anderen.“ Um dann die 19,59 Sekunden über 200 Meter des Jamaikaners vom Dienstag in Lausanne so zu kommentieren: „Es war kalt, es hat geregnet, der Wind blies ihm ins Gesicht, aber er sah großartig aus.“ Immerhin hat Gay einen Unterschied zwischen beiden herausgestellt: „Ich bin kurz, er ist lang.“

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