Sport : Leichtathletik: Fast drei Stunden Leichtathletik - zur besten Fernsehzeit

Jörg Wenig

"Offensichtlich", sagt Helmut Digel, bis vor kurzem Präsident des deutschen Leichtathletik-Verbands, "muss man erst einmal kräftig mit dem Kopf gegen die Wand gestoßen sein, bevor sich neue Strukturen durchsetzen." Digel, im internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) nach wie vor Mitglied des Councils, spricht - von Großbritannien.

Erst vier Jahre ist es her, da ging der britische Leichtathletik-Verband (BAF) wegen Missmanagements bankrott. Doch inzwischen könnte man von "UK Athletics aus der Asche" sprechen. Denn unter der Führung der früheren Weltklasseathleten David Hemery und David Moorcroft nahm der neue Verband eine fast wundersame Entwicklung. Drei Weltmeisterschaften hat UK Athletics nach Großbritannien geholt: die Halbmarathon-WM im Oktober, die Hallen-WM 2004 und die Freiluft-WM 2005. Nebenbei finden 2002 noch die Commonwealth Games in Manchester statt, und angeblich bekommt London bald ein Golden-League-Meeting.

Nur: Wie gelang UK Athletics dieser Aufschwung? "Die Regierung Blair hat Sport zur Chefsache erklärt", sagt Digel. So fließen seit 1997 zum Beispiel Gelder aus der Staatlichen Lotterie in den Sport. "Es gibt auch Gelder, um große Veranstaltungen auszurichten", erklärt die Pressesprecherin von UK Athletics, Emelyn Lewis. So hat die britische Sportbehörde eine Umfrage gemacht, welche Veranstaltungen die Briten gerne in ihrem Land hätten. "64 Prozent wollen eine Fußball-WM, 63 Prozent eine Leichtathletik-WM", berichtet Lewis. Erstaunlich.

Früher waren die Strukturen bei den Briten so wie sie in Deutschland noch heute sind. "Da sprechen zu viele Leute mit, die von der Sache nichts verstehen", sagt Helmut Digel. Bei UK Athletics gebe es nun ein vierköpfiges Spitzengremium, "und dieses Executive Board kann entscheiden und sehr effizient gestalten". Den gesamten Marketing-Bereich hat UK Athletics zum Beispiel an die Agentur "Fast Track" vergeben, an der der frühere Weltklasseläufer über 400-m-Hürden, Alan Pescoe, beteiligt ist. "Fast Track" arbeitete schnell erfolgreich. 1998 gab es im Londoner Crystal Palace nach jahrelanger Pause wieder ein Grand-Prix-Sportfest. "Seitdem war das Meeting jedes Jahr ausverkauft. Und in diesem Jahr überträgt die BBC 2 Stunden 45 Minuten live in der Prime Time", sagt Andy Kay von "Fast Track". Für die Übertragungsrechte von zehn britischen Veranstaltungen über einen Zeitraum von fünf Jahren zahlt die BBC 17,5 Millionen Dollar. Fast eine Million Dollar beträgt laut Andy Kay in Crystal Palace am 22. Juli alleine das Preisgeld - Weltrekord. Insider schätzen das Gesamtbudget auf mindestens 6,5 Millionen Mark. Damit wäre es fast doppelt so hoch wie jenes des Berliner Istaf, wo immerhin das Golden-League-Finale stattfindet. 2002 werden die Londoner vom Sonntag auf den Freitag wechseln - und damit eine wichtige Voraussetzung für die Aufnahme in die Golden League erfüllen.

"Fast Track", ein gutes Beispiel für die deutsche Leichtathletik? "Dazu sage ich nichts", sagt Digel - er hat genug gesagt.

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