Sport : Leichtathletik: Großverein bleibt Vision

Ernst Podeswa

Es ist ein Traum geblieben: Alle Stars der Berliner Leichtathletik in einer Gemeinschaft vereint - von Olympiasieger Nils Schumann über die Europameister Damian Kallabis und Tanja Damaske bis hin zum Olympiadritten von 1996, Florian Schwarthoff. Mit Jirka Arndt (Olympiaachter), Sprinter Ronny Ostwald, Hochspringerin Amewu Mensah (Olympiaachte) und anderen wäre das für Deutschland eine einmalige Ansammlung von leichtathletischen Spitzenkräften. Reizvoll gewiß auch für überregionale Sponsoren.

Die Realität sieht anders aus. Die Erwähnten starten für die LG Nike, den BSC, den SC Charlottenburg oder den OSC, der eigentlich aus finanziellen Gründen künftig auf den Bereich Leistungssport verzichten wollte. Doch ein OSC ohne Aushängeschilder - diese Vorstellung animierte den langjährigen Abteilungschef Rudi Thiel zu Sponsorgesprächen. Die ergaben, dass die Speerwerferin Tanja Damaske sowie zwei andere Athleten gehalten und Hürden-Weltklassesprinter Florian Schwarthoff verpflichtet werden konnte. Der vierte Verein, der sich derzeit noch den Luxus von Halbprofis leistet, ist der BSC. Dessen Trikot trägt künftig neben anderen Hochspringerin Amewu Mensah sowie weiterhin Zehnkämpfer David Mewes.

Nach dem Aus für die Leichtathletik des TSC, dem Rückzug des LAC Halensee und dem Anschluss der Abteilung vom SC Berlin an die LG Nike, dank des Sponsors Nummer eins der Stadt, bleibt mit dem Vereinsquartett festzuhalten: Nirgendwo in einer deutschen Großstadt ist die olympische Kernsportart Leichtathletik so zersplittert wie in Berlin. 15 von insgesamt 68 Vereinen hatten anno 2000 zumindest einen Bundeskader-Athleten in einer Altersklasse in ihren Reihen. Doch den Berliner Leichtathletik-Großverein für Athleten internationalen Formats gibt es nicht.

Schon vor drei, vier Jahren - als sich auch der Kugelstoß-Olympiasieger Ulf Timmermann für einen Spitzenverein einsetzte - hatte es einen ersten Versuch der Kräftekonzentration gegeben. Etwa in einem Leichtathletik-Club (LAC) Berlin 2000. Doch die Fixierung auf den eigenen Verein, die Eifersüchteleien um die imaginäre Führungsposition in der Stadt und eine gewisse wirtschaftliche Potenz verhinderten den Zusammenschluss. Doch als sich der enttäuschte Großsponsor Flugring zurückzog, da wackelten sogar die traditionsbewussten OSC- und SCC-Abteilungen.

Im Mai / Juni unternahm der Verbandspräsident und LG-Nike-Mitbegründer Christoph Kopp mit Gleichgesinnten einen erneuten Vorstoß. Leichtathletik-Team (LAT) Berlin e.V. sollte das Kind heißen. Offen für Berlins Spitzenathleten, die weiterhin Mitglieder in ihren Stammvereinen bleiben sollten, aber das Startrecht für den LAT ausüben sollten. "Die Vereine zeigten sich kooperationsbereit wie nie und diskutierten unvoreingenommen und in großer Offenheit das Projekt", sagte Kopp. Doch auf die Schnelle war das LAT Berlin finanziell nicht zu stemmen. Das Thema bleibe auf der Tagesordnung, so Kopp. Er sieht auch eine Bildung von Schwerpunkten (beispielsweise Lauf beim SC Charlottenburg) als Alternative zu einem Dachverein. Vielleicht hofft er auch, dass die Gesetze des Marktes das Ihrige dazutun: Wenn nämlich Thiels Engagement für den OSC beendet ist und die Topathleten des SCC nicht mehr über Einnahmen aus dem Berlin-Marathon finanziert werden, dann bliebe nur die LG Nike übrig.

Der Neuberliner Florian Schwarthoff sagte übrigens auf die Frage, ob er sich nicht über das Fehlen einer ersten Leichtathletik-Adresse in Berlin wundere: "Doch sehr. Schon seit Jahren. Wie der Rest von Leichtathletik-Deutschland auch."

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