Leichtathletik : Hier spricht Berlino!

Lange hielt sich der Liebling der WM unter seinem Pelz versteckt. Nun reden er und sein bester Freund.

Eva Kalwa
315935_0_6ec0196b.jpg
Tierischer Spaß. Berlino wurde gerade zum beliebtesten Maskottchen aller Zeiten gewählt. -Foto: ddp AFP

Nach dem 100-Meter-Finale wusste Berlino: Usain Bolt braucht Hilfe. Denn auch wenn der Jamaikaner am 16. August im Olympiastadion als schnellster Mann der Welt ins Ziel gekommen ist, beim Start hat Bolt stets so seine kleinen Probleme. „Deshalb bin mit ihm die 50 Meter gerannt und habe ihn extra nicht gewinnen lassen – damit er merkt, woran er vor dem 200-Meter-Finale noch arbeiten muss“, sagt Berlino und schlürft verlegen wegen dieser heimlichen Starthilfe an seiner heißen Schokolade.

Das heißt, eigentlich sagt dies nicht Berlino direkt, das kann er als gemeiner Berliner Stadtbär in der Menschensprache nämlich nicht. Doch an diesem trüben Wintervormittag ist in dem Café an der Karl-Marx-Allee auch Olly, der beste Freund von Berlino, anwesend. Er heißt mit vollem Namen Oliver Seiffert, ist wie der Bär gebürtiger Berliner, blond und großgewachsen und arbeitet schon lange als professioneller Darsteller. So ist er unter anderem als Maskottchen T-Bird für Berlin Thunder aufgetreten, und manchmal hat er sogar schon in einem Bärenkostüm gearbeitet. „Daher glauben einige, ich sei Berlino. Aber das stimmt natürlich nicht. Ich habe Berlino bei der Leichtathletik-WM nur stets mit Tat und Rat unterstützt“, stellt Olly klar. Aus dieser gemeinsamen Zeit heraus kennt der 30-Jährige den Bären so gut, dass es ist, als würde Berlino sprechen, wenn eigentlich Olly den Mund aufmacht.

Es gibt noch mehr erstaunliche Übereinstimmungen zwischen ihnen: Beide lieben es, Menschen zum Lachen zu bringen. Und beide sind sportbegeistert. Olly fährt gern Inliner und ist schon öfter den Berlin-Marathon gelaufen, was der ehrgeizige Berlino auch gern mal tun würde – am liebsten in einer Zeit unter vier Stunden. Dass der eine in den Katakomben im Olympiastadion lebt und der andere in Ahrensfelde, tut ihrer Freundschaft keinen Abbruch. An die Öffentlichkeit wollten sie ihre enge Verbindung nie bringen und haben daher jede noch so hartnäckige Interviewanfrage stets erfolgreich abgewehrt. Bis zu diesem Tag, an dem Berlino dem Tagesspiegel endlich von der „Mords-Gaudi“ erzählen möchte, die der gerade zum beliebtesten Maskottchen aller Zeiten gewählte Bär mit dem Publikum erlebt hat.

„Es war schon immer mein Traum, einmal groß in der Leichtathletik rauszukommen”, sagt Berlino. Und deshalb habe er so eine herrliche Zeit bei der WM gehabt. Nie sei es anstrengend gewesen, auch wenn sein Pelz dick und die Temperaturen hoch waren. „Als ich einmal am Olympiator aufs Treppchen selbst steigen durfte, war ich so aufgeregt, dass ich prompt hingefallen bin“, erzählt Berlino und senkt beschämt den Kopf. Denn der 2,30 Meter große Bär ist nicht nur für seine große Offenheit und Fröhlichkeit bekannt, sondern auch für seine Spontaneität und Tollpatschigkeit – Eigenschaften, die seine zahllosen Fans in den WM-Tagen besonders liebgewinnen sollen. Sie erleben, wie Berlino die Speerwerferin Steffi Nerius nach ihrem Wurf zum Gold mit seiner überschwänglichen Gratulation zu Boden reißt. Wie sich der Berliner Diskuswerfer Robert Harting nach seinem Sieg den Bären locker über die Schulter wirft – wo Berlino mit seinen 100 Kilogramm Lebendgewicht erst wie ein nasser Sack hängt, dann aber rührend versucht, eine anmutige Figur zu machen. Oder wie Berlino beim 10 000-Meter-Finale der Männer übermütig auf der Außenbahn eine dreiviertel Runde mit den drei Führenden mitläuft – was den Protest konservativer Leichtathletik-Fans auf den Plan ruft. Die Zuschauer sind auch dabei, als Berlino die Jamaikanerin Melaine Walker Huckepack nimmt und mit ihr im flotten Trab gegen einen Wagen mit Hürden kracht. „Das hat mir so leid getan – und heute möchte ich Melaine endlich sagen: Entschuldige, ich hoffe, es geht dir gut!“ sagt Berlino mit bewegter Mine.

Eine ganz besondere Beziehung hat sich zwischen dem Bären und Bolt aufgebaut. Erst erscheint der Sprinter im Stadion mit dem Aufdruck „Ich bin ein Berlino“ auf dem T-Shirt, dann der Bär mit „Ich bin ein Bolt”. Die Idee dazu hätten Olly und er ganz allein gehabt, erzählt Berlino stolz, denn schließlich habe er sich mit Bolt auch hinter den Kulissen toll verstanden. Nur eine Sache müsse er korrigieren: „Usain hat erzählt, wir hätten Telefonnummern ausgetauscht – da hat er sich versprochen. Ich habe seine Mailadresse.“ Und die habe er im Sommer, das sei schließlich Bärenehre, nur seinem engsten Freund Olly verraten.

Nun ist Winter im Olympiastadion und die einsame Ruhe dort sei eine andere als die knisternde Stille, die Hochspringerin Ariane Friedrich allein durch das Anlegen ihres Zeigefingers an die Lippen erreichen konnte, sagt Berlino etwas traurig. Ob und wo er in Zukunft als Maskottchen wieder im Einsatz sein wird, weiß er noch nicht. „Es geht um irgendwelche Lizenzfragen. Bären haben keine Ahnung von sowas”, erklärt Berlino mit einem Schulterzucken. Auch Olly weiß noch nicht genau, wo überall sein großes Talent als Entertainer im neuen Jahr gebraucht wird – genug zu tun hat er allerdings immer. Gerüchte gibt es – die will Olly selbst nicht bestätigen – dass er 2010 auch dem Maskottchen der Eishockey-WM, Urmel aus dem Eis, seine Hilfe anbieten wird. Wenn das stimmt, wird das sicherlich wieder ein tierisch großer Spaß.

0 Kommentare

Neuester Kommentar