Sport : Leichtathletik: Illusion von Bedeutung

Frank Bachner

Claudia Marx hat jetzt ihr Geld erhalten, am vergangenen Mittwoch genau gesagt. Es war nicht allzu viel gemessen an den Spitzenbeträgen in der Branche, vielleicht 2000 oder 3000 Mark, aber Claudia Marx studiert noch, Sport; für sie ist das ein bedeutsamer Betrag. Vor allem aber: Sie hat ja ein bisschen gewartet auf das Geld. Fast ein Jahr, nochmal genau gesagt. Im Sommer 2000 lief sie in Cottbus über 400 m. Sie lief gut, das Wetter war schön, die Atmosphäre gut, das Publikum engagiert, und der Rest war Hoffnung. Damals wusste sie nicht, dass der Veranstalter weniger Geld hatte als geplant. Deshalb bekam sie ihre Gage nicht. Sie ist kein Star, sie ist mehr eine Mitläuferin, auch wenn sie bei der Hallen-WM 2001 Bronze holte. Aber das war mit der Staffel. Die Stars haben ihr Geld sofort erhalten, Mitläuferinnen wie Marx mussten warten.

Im Sommer findet in Cottbus wieder ein Meeting statt, zumindest ist das so geplant. Und Claudia Marx könnte jetzt natürlich auf einen Start verzichten. Das wäre fast so konsequent wie dumm. In Wirklichkeit kann sie sich so etwas gar nicht leisten. Erstens findet Cottbus kurz vor der WM statt, das Meeting dient somit als Test für Edmonton. Schon deshalb ist Cottbus wichtig, aber für die 22-Jährige von der LG Nike nicht so wichtig wie aus einem anderen Grund; schließlich steht ihr WM-Start ja noch gar nicht fest. Wichtiger ist, dass sie in Cottbus eine Wettkampf-Situation hat. Sie tritt gegen nationale Spitzenleute an. Sie spürt den Druck und lernt mit ihm klar zu kommen, und, natürlich, sie kann sich dem Bundestrainer empfehlen.

Claudia Marx braucht diese Erfahrungen. Sie ist noch nicht so abgeklärt wie die Stars, die Psychospielchen mit der Konkurrenz treiben. Zwölf Mal, höchstens, startet die 22-Jährige pro Saison über 400 m. Auf diese Zahl kommt sie nur mit Meetings. "Die sind unheimlich wichtig, weil ich mich da selber überprüfen kann. Und viel lernen kann."

Die Stars der Szene verdienen viel Geld mit den Meetings und laufen für ihre Sponsoren. Claudia Marx wartete Monate auf ihr Geld und hat nur einen Vertrag mit einem Ausrüster. Sie definiert die Bedeutung von Meetings anders. Sie definiert sie so, wie das normal ist für eine, die man notfalls in den B-Lauf steckt. In Jena, vor wenigen Wochen, startete Marx im B-Lauf. Es war ihr ganz recht so. Es war ihr erstes 400-m-Rennen in der Saison, das Fernsehen filmte Bessere, und sie konnte sich unverkrampft vorbereiten. Dann lief sie 51,82 Sekunden, neue persönliche Bestzeit, und der Stadionsprecher schrie: "Neue persönliche Bestzeit für Claudia Marx, eine Verbesserung um vier Zehntelsekunden"; dann klatschten die Leute, und Claudia Marx fühlte sich für zwei, drei Sekunden ganz allein im Mittelpunkt. Durchdrungen von einem Gefühl: "Ich habe etwas geleistet." Auch deshalb braucht Claudia Marx die Meetings. Die geben ihr die Illusion, einen kurzen Moment etwas Besonderes zu sein, sie, die Mitläuferin, steht in engem Kontakt mit den Zuschauern. "Da denkt man: Wenn die Fans jubeln, glauben sie vielleicht, die kann Hilfe gebrauchen. Die kämpfen für dich. Da ist es egal, dass sie dich wahrscheinlich gar nicht meinen." Aber um sich diese flüchtige Illusion zu bewahren, braucht sie immer die Unterstützung der wirklichen Stars. Grit Breuer hat ihr ermöglicht, dass sie in Dessau 200 m laufen kann. Breuer wollte das auch, sie setzte durch, dass der Veranstalter dafür auf die 400 m verzichtet. Breuer ist Staffel-Weltmeisterin.

Es hat sich nicht viel geändert für Claudia Marx. Es gibt die Stars, und es gibt sie. Das ist wie bei ihren ersten Meetings. Da traf sie mal im Hotel Colin Jackson. Jackson ist Weltrekordler im Hürdensprint, und Marx sagt, ihn zu treffen, "das war toll".

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