Leichtathletik : Ingo Schultz' langer Weg zum Abschied

2001 wurde Ingo Schultz WM-Zweiter über 400 Meter, es folgte eine Verletzungsmisere – an diesem Wochenende kehrt er zurück.

Susanne Rohlfing[Leverkusen]

Ingo Schultz bläst einmal kurz die Backen auf, und schon stecken seine Füße im Eiswürfelbad. Es sind große Füße, schlank und gepflegt, sie sind das Kapital des Ingo Schultz. Und sie danken ihm die sorgsame Behandlung mit Stabilität. Kein Zwicken in der Plantarsehne, kein Zwacken im Hacken, kein Ziehen der Achillessehne. „Starke Füße sind die Grundvoraussetzung, die hatte ich in den vergangenen zwei Jahren nicht“, sagt Schultz. 2001 war der 400-Meter-Läufer überraschend Zweiter bei den Weltmeisterschaften in Edmonton geworden, 2002 folgte etwas weniger überraschend der Sieg bei den Europameisterschaften. Dann kamen magere Zeiten. Im Olympiajahr 2004 lief er immerhin noch 45,07 Sekunden, blieb aber deutlich unter seiner Bestzeit von 44,46 Sekunden und schied bei den Spielen in Athen im Halbfinale aus.

Jetzt ist Ingo Schultz zurück. Nicht stärker denn je, aber stark. Anfang des Monats blieb er in 45,67 Sekunden erstmals seit 2004 wieder unter 46 Sekunden, die Einzelnorm von 45,55 Sekunden für die Ende August im japanischen Osaka beginnende WM ist in erreichbare Nähe gerückt. Und zu den deutschen Meisterschaften am Samstag und Sonntag in Erfurt reist Schultz als Führender der deutschen Jahresbestenliste. Gejagt wird der 31-Jährige vom Nachwuchs. Der Hallen-EM-Zweite Bastian Swillims (Wattenscheid/45,72 Sekunden/25 Jahre) und Titelverteidiger Kamghe Gaba (Frankfurt/45,84/23) sind ihm dicht auf den Fersen. Deshalb glaubt Thomas Kremer, der Trainer von Schultz und Swillims, dass die 400-Meter-Entscheidung eine der spannendsten der diesjährigen Meisterschaften wird.

Vorsichtig tunkt Schultz seine Füße nun ins warme Wasser. Auch dabei ist sein Gesichtsausdruck gelassen. „Das ist Gewöhnungssache“, sagt er und grinst, „beim ersten Mal war es schon ein bisschen hart, aber wenn man das Gewebe so schockt, wird es ordentlich angeregt.“ Dann erholt es sich schneller von den Strapazen, denen es bei einem 400-Meter-Läufer ausgesetzt ist. Zwei Stunden Training liegen hinter Schultz. Keine harte Einheit, eher ein letzter Formcheck vor der Meisterschaft. Viel Gymnastik, ein bisschen Krafttraining für die Fuß- und Unterschenkelmuskeln und drei flotte Läufe über 200 Meter. Beim dritten lässt Schultz seine Füße einfach mal machen. Sie tragen ihn in handgestoppten 20,3 Sekunden an Coach Kremer und seiner Uhr vorbei. Schneller als geplant. Und: So schnell wie noch nie im Training. Kremer grinst. „Es ist nicht schlimm, dass er zu schnell war, er sollte ja nochmal sehen, dass er was drauf hat.“

Was motiviert einen Elektrotechnik-Ingenieur, seinen zwei Meter langen und 100 Kilo schweren Körper nach einer so langen Verletzungsmisere noch immer zu malträtieren, anstatt sich einen sicher nicht schlecht bezahlten Job zu suchen? Mit dem Halbfinal-Aus in Athen habe er nicht aufhören wollen, sagt Schultz. Nicht so. Er wechselte von seinem Trainer Jürgen Krempin zu Kremer und ging von der TSG Bergedorf in Hamburg zum TSV Bayer 04 Leverkusen. Mit seiner Frau und den zwei Kindern lebt Schultz jetzt in Bergisch Gladbach. Für ihn selbst seien die zurückliegenden Jahre kein tiefes Verletzungsloch gewesen, sagt Schultz. „Ich habe so viel erreicht, dass ich das gar nicht so empfinde.“ Natürlich nicht, sagt sein Trainer. Er hat ja die ganze Zeit trainiert. Aquajogging, immer wieder schonendes Aquajogging. „Ich kann das Schwimmbad nicht mehr sehen“, gesteht der Coach. Und Schultz sagt, dass er zwar immer an seinen Erfolgen der Jahre 2001 und 2002 gemessen werde, „aber ich freue mich auch über die kleinen Erfolge, Deutscher Meister zu werden oder überhaupt bei einer WM dabei zu sein.“

Gerne wäre er auch bei der WM 2009 in Berlin noch dabei. Aber dazu müssen die Füße stark bleiben, und ein Ersatz für die Einnahmequelle Bundeswehr muss her. Ende des Jahres scheidet Hauptmann Schultz nach 13 Jahren bei der Sportfördergruppe aus der Bundeswehr aus. Der Familienvater hofft auf einen Halbtagsjob als Elektroingenieur. „Es wäre ja für maximal zwei Jahre“, sagt er. Zwei Jahre, um zu beweisen, dass noch viel Lauftalent in ihm steckt. Thomas Kremer hat sich längst von Schultz überzeugen lassen. Bis zur 44er-Bestzeit aus dem Jahr 2001 sei es „noch eine Menge Holz“, sagt der Trainer. „Aber Ingo kann das wieder.“

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