Sport : Leichtathletik-Meisterschaften: Ein schlechter Verlierer

Frank Bachner

Richard Spiegelburg hat Mitgefühl für Tim Lobinger, und eigentlich ist das verdächtig. Denn Lobinger hatte zuvor wenig Mitgefühl für Spiegelburg. Der Stabhochspringer Lobinger sagte, der Stabhochspringer Spiegelburg gehöre nicht wirklich verdient in den WM-Kader. Spiegelburg habe vor Stuttgart nur ein einziges Mal die WM-Norm von 5,75 m überquert, und das auch noch bei den Deutschen Hochschulmeisterschaften. Er, Lobinger, der Sechs-Meter-Springer, hätte viel mehr einen WM-Start verdient. Das kam bei seinen Sätzen rüber. Aber Spiegelburg holte sich bei den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften mit 5,85 m den Titel, Lobinger wurde nur Fünfter. Damit ist alles klar. Lobinger ist einfach ein schlechter Verlierer, weshalb soll er ehrliches Mitgefühl bekommen?

Weil Spiegelburg einfach souveräner ist. Und weil er den Teamgeist bei den Stabhochspringern, von dem er ständig spricht, intensiv fühlt. Dank dieses Teamgeistes hat sich Spiegelburg schließlich in den vergangenen drei Jahren so enorm entwickelt. Er trainiert in Leverkusen mit Danny Ecker, Bestleistung 6,00 m, und Lars Börgeling. Spiegelburg ist in diesem Trio sportlich die Nummer drei, und er hat diese Rolle nie angezweifelt. Es war ein unausgesprochenes Gesetz, solange keiner den anderen sportlich überholte, und deshalb kleben die drei auch privat zusammen. Hören die gleiche Musik, sprechen über die gleichen Themen, motivieren sich gegenseitig. "Von Richard kann ich nur Positives berichten", sagt Ecker. "Er hat verdient gewonnen."

Spiegelburg kam 1997 nach Leverkusen, mit einer Bestleistung von 5,20 m. Ein 21-Jähriger, ehemaliger Turner, ehemaliger Zehnkämpfer, bis zum 18. Lebensjahr vom Vater trainiert, mit dem Willen, sich einzufügen und dazuzulernen. Er steigerte sich schnell auf 5,40 m, wurde 1999 Studentenweltmeister und 2000 Vierter der Hallen-EM und landete dann im Tief. Er war verletzt und wägte ab. Lohnt es sich noch mal anzugreifen, ist nicht das Fotoingenieur-Studium Stress genug? Aber dann dachte er daran, dass er technisch ziemlich perfekt werden wollte, wie sein Vorbild Sergej Bubka, und griff noch mal an. Zu Saisonbeginn hatte der 24-Jährige eine Bestleistung von 5,65 m.

Seine Selbsteinschätzung entspricht seiner sportlichen Entwicklung, auch deshalb kann er diesen Teamgeist leben. Spiegelburg hat keine Probleme damit, zu sagen: "Ich bin am Stab einer der Besten in Deutschland", und zu erwähnen, "dass ich mich bei diesen Meisterschaften ziemlich clever angestellt habe". Aber er ist noch kein Großer, noch kein Lobinger oder Ecker, "ich hätte keine Probleme damit, wenn man mich nicht mit zur WM nehmen würde". Die Studenten-WM in Peking, das war sein Saisonziel. So einer kann es natürlich nicht fassen, "dass ich hier gewonnen habe". Natürlich, "ich habe hart an der Technik gearbeitet, aber ich habe noch Probleme beim Anlauf".

Aber jetzt ist er Meister, er ist aufgestiegen in der internen Hierarchie, und es ist Zeit, dies auch Lobinger klar zu machen. "Ich lasse mir das nicht unterstellen, dass ich bei den Hochschulmeisterschaften eine Sternstunde hatte, die ich nicht wiederholen könnte. Ich habe das Potenzial, um noch höher zu springen." Mitgefühl für den Sechs-Meter-Springer hat er trotzdem. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

Aber irgendwann hat er dann genug von Fragen nach dem Mitgefühl für andere. Er steht auf, nickt allen kurz zu und sagt dann: "Jungs, ich muss jetzt gehen. Ich schreibe am Dienstag eine Klausur."

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