Leichtathletik : Pistorius: London 2012 ist näher als Berlin 2009

Der beinamputierte Läufer aus Südafrika ist bei der Golden League in Oslo noch weit von seiner Bestzeit entfernt. In WM-Form zeigen sich dafür 400-Meter-Läuferin Sanya Richards und Speerwerfer Tero Pitkämäki.

Friedhard Teuffel[Oslo]
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Oscar Pistorius.Foto: Thilo Rückeis

Oscar Pistorius hat es gerade noch rechtzeitig ins Trockene geschafft, kurz nach seinem Zieleinlauf geht ein Wolkenbruch über Oslo nieder, und hinter Pistorius rennen die letzten Kampfrichter in den Bauch des Stadions. Schnell genug gelaufen ist Pistorius aber nicht, findet er. „Ich bin schon ein bisschen frustriert“, sagt der beinamputierte Südafrikaner. 47,16 Sekunden über 400 Meter, das macht Platz zwei im B-Finale der Bislett Games in Oslo, des zweiten Meetings der Golden League in dieser Saison nach dem Istaf, und es ist auch seine Saisonbestzeit. Doch 45,95 Sekunden müsste er schon laufen, um sich für die Weltmeisterschaften in Berlin im August zu qualifizieren. „Das ist ganz schön schwer“, sagt er.

Bei keinem Leichtathleten würde schon die Qualifikation für den Saisonhöhepunkt so beachtet wie bei Oscar Pistorius. Mit seinen Karbonprothesen ist der 22-Jährige ein laufender Botschafter für den gesamten Behindertensport geworden. Doch von diesem Ziel ist er im Moment ein gutes Stück entfernt, ebenso von seiner Bestezeit 46,23 Sekunden. Ein Bootsunfall im Januar hat ihn zurückgeworfen, „ich konnte fünf Wochen nicht trainieren“. Er war mit einem Freund über ein Betonhindernis gefahren und hatte sich beim Aufprall das Nasenbein, den Kiefer und zwei Rippen gebrochen. „Ich fühle mich jetzt wieder gut und schnell, aber im Wettkampf läuft es nicht“, sagt er.

Immerhin muss sich Pistorius in diesem Jahr keine Gedanken um seine Startberechtigung machen. Im vergangenen Jahr hatte er die noch vor dem Internationalen Sportgerichtshof gegen den Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF) erstreiten müssen. Der Verband glaubte, nachweisen zu können, dass Pistorius mit seinen Prothesen einen Vorteil hat – konnte er aber nicht. „Die IAAF akzeptiert die Entscheidung, sie machen es mir leicht“, sagt Pistorius. Aber seine Laune an diesem Abend in Oslo kann eigentlich nur die Frage nach den Olympischen Spielen 2012 in London heben. Da fängt er auf einmal an zu strahlen und sagt: „Das ist das große Ziel in meinem Leben.“ Wenn er jedes Jahr seine persönliche Bestzeit um ein paar Zehntel steigere, dann schaffe er das auch.

Für andere liegen die Ziele näher, zum Beispiel eine kleine Serie hinzulegen wie für Asafa Powell, den 100-Meter.Läufer aus Jamaika. Er gewann in 10,07 Sekunden und möchte auch in der nächsten Woche in Rom wieder gewinnen. Oder den Jackpot der Golden League über eine Million Dollar zu erbeuten. Das können unter anderem noch der 5000-Meter-Läufer Kenenisa Bekele aus Äthiopien, der mit 13:04,87 Minuten als erster ins Ziel kam, und die 400-Meter-Läuferin Sanya Richards aus den USA. Richards brauchte für die Stadionrunde 49,23 Sekunden, das ist Weltjahresbestleistung. Auch der Finne Tero Pitkämäki hat wie schon in Berlin das Speerwerfen gewonnen, diesmal mit 84,63 Meter, doch in Oslo zu siegen, ist noch etwas schwerer. Denn aus Oslo kommt sein größter Rivale, Andreas Thorkildsen. Den Olympiasieger plagten jedoch die ganze Woche über Leistenbeschwerden, so landete er mit 83,15 Meter auf Platz zwei, zwischen die beiden hatte sich noch der Finne Teemu Wirkkala mit 83,54 Meter geschoben.

Die besten Aussichten, alle sechs Meetings der Golden League zu gewinnen hat sicher die russische Stabhochspringerin Jelena Isinbajewa. Der Weltrekordhalterin reichten in Oslo 4,71 Meter zum Sieg, aber dafür war der Wettbewerb für sie aus einem anderen Grund rekordverdächtig. Langes Warten vor dem ersten Sprung, langes Warten, bis das Unwetter aufhört – „das war der längste Wettbewerb meiner Karriere“.

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