Leichtathletik : Schluss mit der Wegwerfgesellschaft

Die Werfer sind die Aushängeschilder. Die deutschen Leichtathleten wollen sich bei der WM in Osaka aber auch beim Laufen und Springen steigern.

Friedhard Teuffel
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Christina Obergföll gilt als Favoritin im Speerwerfen. -Foto: dpa

BerlinDer deutschen Leichtathletik sind in den vergangenen Jahren die Kräfte ziemlich geschwunden. Können ihr nun zwei starke Frauen stützend unter die Arme greifen? Es sind schließlich gleich zwei Favoritinnen, mit denen der Deutsche Leichtathletik-Verband zu den Weltmeisterschaften reist, die am Samstag in Osaka beginnen. Eine gereifte Athletin im Spätherbst ihrer Karriere und eine, die gerade ihren sportlichen Frühling erlebt. Für die 39 Jahre alte Diskuswerferin Franka Dietzsch wäre die dritte WM-Goldmedaille eine hübsche Zugabe: „Mein Trainer sagt, wenn ich fit bin, kann mich eigentlich niemand schlagen.“ Für die 25 Jahre alte Speerwerferin Christina Obergföll dagegen wäre es der erste große Titel. „Ich träume nicht nur von WM-Gold, ich glaube daran“, sagt sie und bekommt vom deutschen Verbands- Ehrenpräsidenten Helmut Digel mit auf den Weg: „Wir werden am Ende der WM erkennen, dass Christina Obergföll zum Weltstar geworden ist.“

Doch so weit sie auch werfen, die Schwächephase der deutschen Leichtathletik werden die beiden selbst mit Weltmeistertiteln nicht beenden können. Denn ihre Erfolge würden ein populäres Urteil verfestigen: Die deutsche Leichtathletik ist eine Wegwerfgesellschaft. Gewinnen können deutsche Athleten nur noch, wenn es ums Werfen und Stoßen geht, nicht aber ums Laufen und Springen. Im europäischen Vergleich bei den Europameisterschaften 2006 in Göteborg haben die Deutschen das erst einmal widerlegen können mit Titeln im Marathon und über 10 000 Meter sowie Medaillen im Hürdensprint. Jetzt aber, wenn afrikanische Langstreckenläufer sowie amerikanische und karibische Sprinter mitrennen, geht der Kampf gegen dieses Urteil wieder von vorne los.

Es sind daher nicht alleine Franka Dietzsch und Christina Obergföll, die im Mittelpunkt der deutschen Mannschaft mit ihren 60 Athleten stehen. Eike Onnen ist dazugekommen, der mit übersprungenen 2,34 Meter auf Platz drei der Weltjahresbestenliste steht. Bei den deutschen Meisterschaften vor einem Monat in Erfurt musste er wegen einer Rückenverletzung aufgeben, davon hat er sich aber inzwischen erholt und nun immerhin eine kleine Chance auf eine Medaille. Die deutschen Leichtathleten wollen außerdem zeigen, dass sie vielseitiger geworden sind und deshalb im Mehrkampf einen Schritt nach vorne machen, allen voran Hallen-Weltmeister André Niklaus im Zehnkampf und die beiden 23 Jahre alten Siebenkämpferinnen Jennifer Oeser und Lilli Schwarzkopf. Und dann gibt es da noch drei alte Bekannte: die Stabhochspringer Danny Ecker, Tim Lobinger und Björn Otto. Alle drei sind für eine Medaille gut, und angesichts dieser Chancen sagt der deutsche Cheftrainer Jürgen Mallow: „Vor zwei Jahren in Helsinki haben wir fünf Medaillen geholt. Jetzt sind wir mit einer deutlich besseren Mannschaft da und werden mehr Medaillen gewinnen. Wir sind immer für Überraschungen gut.“

In Osaka laufen, springen und werfen die Deutschen ohnehin nicht nur für den Moment, sondern auch für die Perspektive. Erfolge sind schon die beste Werbung für die Weltmeisterschaften 2009 in Berlin. Verbands-Präsident Clemens Prokop sagt sogar: „Die WM 2009 ist das beste Doping, das man sich wünschen kann.“

Es wäre vor allem ein Doping, das nur den Deutschen hilft. Denn viele deutsche Athleten beklagen nach wie vor eine Benachteiligung: Sie würden im Training viel häufiger kontrolliert als Athleten aus anderen Ländern – so lange es keinen internationalen Standard bei den Dopingkontrollen gebe, könne auch von Chancengleichheit keine Rede sein. Immerhin haben die vermehrten Dopingkontrollen der vergangenen Monate die Ergebnisse offensichtlich auf etwas natürlichere Maße sinken lassen. Rekorde sind in Osaka kaum zu erwarten, das Klima wird die Leistungen auch nicht gerade fördern. Cheftrainer Mallow sagt: „Die Verbindung aus heiß und schwül ist das Problem. An schwüles Wetter kann man sich nicht anpassen.“ Gerade auf den mittleren und längeren Laufstrecken könnte die Hitze das Tempo drosseln. An schlechtere Leistungen der Werfer glaubt Mallow dagegen nicht. Auch das ist eine gute Vorhersage für Franka Dietzsch und Christina Obergföll.

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