• Leichtathletik stellt den Fall Baumann ins Abseits - ein Hoffnungsträger heißt Ronny Ostwald

Sport : Leichtathletik stellt den Fall Baumann ins Abseits - ein Hoffnungsträger heißt Ronny Ostwald

Jörg Wenig

Eines war in keiner Ecke der Erfurter Halle zu finden: Leichtathletik-Verdrossenheit. 2800 Zuschauer in der ausverkauften Halle bewiesen mit glänzender Stimmung eindrucksvoll, dass der Fall Baumann nicht die zeitweilig befürchteten Auswirkungen nehmen wird. "Hier im Osten sowieso nicht", war ein Tenor. Doch auch das Meeting in Dortmund war drei Tage zuvor ausverkauft. Dass der Fall Baumann am Mittwochabend kein Thema sein konnte, dafür sorgte in dem rund dreistündigen Programm ein Höhepunkt nach dem anderen. Beim bisher besten deutschen Hallenmeeting der Saison wurden gleich sieben Jahresweltbestmarken aufgestellt.

Ein neues Maß wurde auch über die 60-m-Distanz gesetzt. Hier gewann der US-Amerikaner Greg Saddler in 6,52 Sekunden vor dem zeitgleichen Fredy Mayola (Kuba). Doch noch interessanter war eigentlich, was sich auf den Rängen drei und vier tat: Hier ruhen berechtigte Hoffnungen, dass es mit dem deutschen Sprint wieder deutlich bergauf geht. Dritter wurde Marc Blume (TV Wattenscheid) in 6,57, Vierter, und das war eigentlich eine kleine Sensation, Ronny Ostwald vom SC Berlin. Der 25-Jährige steigerte sich auf 6,59 Sekunden und unterbot damit die Norm für die Hallen-Europameisterschaften in Gent Ende des Monats deutlich. Der Aufstieg des Ronny Ostwald erinnert ein wenig an einen anderen Berliner, der 1993 als Quereinsteiger für Furore sorgte: Nico Motchebon lief in seinem ersten Leichtathletik-Jahr über 800 m gleich auf Rang drei bei der Hallen-WM. Ganz so rasant ist der Aufstieg von Ostwald, der vor gut einem Jahr zur Leichtathletik kam und auf Anhieb Berliner Meister über 60 m wurde, natürlich nicht. Allerdings sind die Voraussetzungen andere. Motchebon zählte als Moderner Fünfkämpfer zur Weltelite, Ostwald kommt aus einem sportlichen Keller. Für den Klub seines Heimatortes, den SV Eiche Groß-Rietz, kickte er noch bis vor gut zwei Monaten in der Spreeliga, der zweitniedrigsten Spielklasse. Ronny Ostwald war Libero. Jetzt ist er eine Art Libero des deutschen Sprints. "So einer wie er hilft uns enorm. Da kommt ein ganz neuer Mann aus nirgendwo und mischt vorne mit. Das gibt neue Impulse", freut sich Bundestrainer Uwe Hakus, dessen Amtsantritt als Verantwortlicher für den brach liegenden deutschen Kurzsprint zufällig mit dem Beginn von Ostwalds Leichtathletikkarriere zusammenfällt. "Wenn Ostwald sich stabilisiert, sind für ihn im Sommer 10,20 über 100 und 20,50 über 200 m möglich", sagt der Berliner Uwe Hakus, der den von Bernd Schermeister trainierten Athleten auch ab und zu betreut. Und wenn Ronny Ostwald, der sich am Sonnabend bei den Norddeutschen Meisterschaften mit einer glänzenden 200-m-Bestzeit von 20,91 Sekunden an die Spitze der deutschen Jahresbestenliste gesetzt hatte, tatsächlich die von Uwe Hakus angesprochenen Zeiten erreicht, dann wäre er auf jeden Fall bei Olympia dabei. "An Olympische Spiele habe ich natürlich nie gedacht. Mein Ziel war früher, unter elf Sekunden zu laufen", sagt der beim Bundesgrenzschutz angestellte Sprinter, der noch deutliches Potenzial für Verbesserungen besitzt. Trotz des schlechten Starts lief er in Erfurt jene 6,59 Sekunden. Auch wenn der Vergleich etwas hinkt: mit jener Zeit wäre er im Hallen-WM-Finale vor einem Jahr Sechster gewesen und zweitbester Europäer. Nico Motchebon lässt grüßen.

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