Sport : Leichtathletik: " ... und dann hebt der Kampfrichter die rote Fahne"

Herr Kärcher[wo in],Sie wohnen in Stuttgart[wo in]

Klaus Kärcher (42) ist Manager des 800-m-Olympiasiegers Nils Schumann.

Herr Kärcher, Sie wohnen in Stuttgart, wo in einer Woche die Deutschen Meisterschaften stattfinden werden ...

also davon habe ich im weiteren Vorfeld leider nicht viel gemerkt, erst in der letzten Zeit wurde Werbung betrieben. Eigentlich hätte hier frühzeitig jede Woche etwas initiiert werden müssen, um das Interesse zu wecken. Aber man denkt offenbar, die Zuschauer kommen von alleine.

Nun hat die deutsche Leichtathletik mit Nils Schumann, den Sie betreuen, wieder ein echtes Zugpferd, sogar den Sportler des Jahres.

Genau, deswegen hatte ich mir auch schon Gedanken gemacht, was man mit ihm im Vorfeld der Meisterschaften hier in Stuttgart machen könnte. Aber weder vom Deutschen Leichtathletik-Verband noch vom württembergischen Verband hat irgendjemand bei mir nach Nils gefragt. Es meldet sich einfach keiner - und damit habe ich ein Problem. Vielleicht geht es allen noch zu gut.

Das scheint ein generelles Problem der deutschen Leichtathletik zu sein.

Der deutschen Leichtathletik fehlt ein Konzept. Sie bräuchte einen kräftigen Hauruck, so wie er bei anderen Sportarten stattgefunden hat. Skispringen ist ein gutes Beispiel. Hier wurde um die Stars Martin Schmitt und Sven Hannawald sehr erfolgreich gearbeitet. Aber in der Leichtathletik bewegt sich nichts. Dass an der Basis nichts passiert, zeigt das Beispiel Stuttgart, und Visionäre haben wir in der Leichtathletik auch keine. Das Problem der Leichtathletik ist, dass sie sich nicht deckt mit dem, was sich Jugendliche unter dem Sport vorstellen, den sie betreiben möchten. Ihnen geht es zwar auch um Leistung, aber ebenso um den Spaß - und das ist bei der Leichtathletik, so wie sie jetzt vermittelt wird, schwierig.

In Deutschland verschwinden mehr und mehr Meetings, vor allen Dingen Veranstaltungen der zweiten Reihe, von der Bildfläche - da wären Visionäre bitter nötig.

Die Meetings der zweiten Reihe können relativ wenig machen, solange die gesamte Leichtathletik nicht eine zeitgemäße Struktur bekommt. Besonders bei den kleinen Meetings beißt sich die Maus in den eigenen Schwanz. Zuschauer gehen heute angesichts der Konkurrenz der anderen Sportarten nur zur Leichtathletik, wenn sie Topleistungen erwarten können. Doch kleine Meetings können die großen Stars, die vielleicht 50 000 Dollar kosten, nicht verpflichten. Dann fehlen Fernsehzeiten und somit haben Sponsoren kein Interesse.

Sie betreuen neben Nils Schumann unter anderem auch die Deutsche Hochsprungmeisterin Amewu Mensah. Spüren Sie Probleme bei der Vermarktung der Athleten auf Grund der Krise vieler Meetings, die früher auch eine Werbeplattform boten.

Nein, bei meinen Athleten habe ich keine Probleme. Aber neben dem Sport im allgemeinen sind natürlich die Athleten die Leidtragenden dieser Situation. Denn ein Nils Schumann liebt seinen Sport, ansonsten hätte er niemals Olympiasieger und Europameister werden können. Nach seinem Saisonauftakt in Hengelo, wo er am Pfingstmontag so gut wie nie zuvor in eine Saison gestartet war, hatten wir uns unterhalten. Es tat ihm sehr weh, dass er gut gelaufen ist, dies jedoch niemand mitbekommen hat. Es gab keine Fernsehübertragung. Er hat mich gefragt: was kann ich als Olympiasieger machen, damit das Produkt Leichtathletik wieder interessanter wird.

Zurzeit werden verschiedene Regeländerungen diskutiert - zum Beispiel soll ein Sprinter nach einem Fehlstart sofort disqualifiziert werden. Ist das ein Weg zu mehr Attraktivität?

Also, ich glaube nicht, dass das der richtige Weg ist. Denn derartige Regelungen kommen der Disziplin nicht entgegen. Ich bin ein alter Leichtathlet - aber das heißt nicht, dass ich nicht kreativ bin. Statt im Weitsprung die Zahl der Versuche zu reduzieren, sollte man lieber einen Absprungraum von einem Meter einführen. Was wollen die Leute denn sehen? Tolle Leistungen. Da sitzen sie dann im Stadion, sehen einen Supersprung, jubeln - und dann hebt der Kampfrichter die Rote Fahne. Aber wichtiger als die Regeln der Disziplinen zu ändern wäre, die einzelnen Veranstaltungen interessanter zu machen und den Zeitablauf der Meetings zu verbessern.

Wie müssten Strukturänderungen aussehen?

Eine neue Struktur muss von oben kommen, also international angelegt sein. Es bringt nichts, wenn die Leichtathletik als olympische Kernsportart nur alle vier Jahre mal im Mittelpunkt steht und dann vielleicht noch bei Weltmeisterschaften. Das Grand-Prix-System versteht ja wohl niemand, oder?

Wie könnte man wieder mehr Menschen für die Leichtathletik-Meetings begeistern?

Man braucht eine klare, straffe Struktur, um die Sportart für das Fernsehen wieder interessant zu machen. Im Moment verzettelt man sich. Wir haben die Golden League, den Grand Prix, mal haben wir den Diamonds Cup, dann wieder nicht und so weiter. An einem Tag der Woche bräuchte man zu einer festen Zeit ein großes Meeting, eine Art Champions League der Leichtathletik. Die müsste über zehn Wochen nach der Fußballsaison laufen. Dann könnten zwei Wochen Pause sein, und dann käme ein Höhepunkt, also eine WM oder EM. Danach könnte es eine Art Champions-League-Finale geben. Im Rahmen der großen Meetings müssten auch Jugendwettbewerbe stattfinden, analog zu den großen Tennisturnieren.

Die Grundidee gab es ja mit der Golden League.

Ja, aber der größte Fehler war der Fernsehvertrag mit dem Pay-TV-Sender Premiere World. Niemand kauft sich für die Leichtathletik einen Dekoder, das würde nicht einmal bei der Formel 1 funktionieren. Das ginge bestenfalls bei einem Fußball-WM-Finale zwischen Deutschland und England.

Diesen Vertrag hat ja ISL abgeschlossen. Und inzwischen ist der Vermarkter pleite.

Das kann für die IAAF eine gute Chance sein: jetzt kann man etwas verändern.

Wie sollte man da verfahren?

Die IAAF muss das ja nicht selber machen, es gibt genug Agenturen. Man müsste einen Wettbewerb ausschreiben für die Vision: Leichtathletik im Jahr 2010. Das würde etwas kosten, aber dieses Geld wäre gut angelegt.

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