Leichtathletik : ''Von den Läufern bekomme ich Beifall''

Istaf-Chef Gerhard Janetzky spricht im Interview mit dem Tagesspiegel über die Kritik des Innenministers, deutsche Werfer und Dwain Chambers.

Janetzky
Gerhard Janetzky -Foto: ddp

Herr Janetzky, haben Sie schon Weltmeisterin Franka Dietzsch eingeladen, beim Istaf am 1. Juni im Cabrio durchs Olympiastadion zu fahren?

Wir laden alle deutschen Top-Athleten zum Istaf ein. Auch diejenigen, die nicht in Wettbewerben bei uns starten. Ich würde mich sehr freuen, wenn Franka Dietzsch kommt und sich in einem hoffentlich ausverkauften Stadion präsentiert.

Im vergangenen Jahr hatte Dietzsch Ihre Einladung ausgeschlagen, nachdem Sie im Interview mit uns die Frage gestellt hatten, ob Diskuswerfen überhaupt noch zeitgemäß ist. Obwohl sie gerade Weltmeisterin geworden war, durfte Dietzsch nicht werfen – wie sieht es in diesem Jahr aus?

Wir können aus zeitlichen Gründen wieder nur zwei Wurfdisziplinen machen. Speerwerfen der Männer ist Pflichtwettbewerb der Golden League, bleiben also fünf Disziplinen, aus denen wir eine aussuchen. Da werden wir uns für Diskuswerfen der Männer entscheiden mit dem Berliner Robert Harting. Franka Dietzsch wäre dann ebensowenig dabei wie Steffi Nerius und Christina Obergföll im Speerwerfen.

Dabei fordert jetzt selbst Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, die erfolgreichen deutschen Werfer starten zu lassen.

Im Durchschnitt sind bei anderen Meetings der Golden League drei oder vier Deutsche am Start, bei uns sind es 40. Das führt dazu, dass das Istaf in der Rangliste der internationalen Meetings nicht unter den besten acht ist. Aber das nehmen wir in Kauf, weil wir etwas für die deutsche Leichtathletik tun wollen. Es wird so getan, als hätte ich grundsätzlich etwas gegen die Werfer, aber das ist absolut falsch.

Glauben Sie denn, dass die Zuschauer lieber amerikanische und afrikanische Läufer sehen wollen als deutsche Werfer?

Die Studien sprechen dafür. Weltweit sind Sprint und Marathon die beliebtesten Disziplinen. Ich kann Ihnen ein Beispiel nennen: Im vergangenen Jahr waren beim World Athletics Final in Stuttgart die besten deutschen Werfer am Start. Trotzdem kamen weniger als 25 000 Zuschauer pro Tag ins Stadion, und das in einer Hochburg der Leichtathletik. Abgesehen vom Sprint wurden die Wurfdisziplinen auch am ehesten mit Doping in Verbindung gebracht, denken Sie nur mal an manche russischen Frauen, die Hammer geworfen haben, das waren richtige Ungetüme.

Hatte Ihr Infragestellen des Diskus- und Hammerwerfens einen Nachhall über die Saison hinaus?

Vor allem aus Läuferkreisen habe ich Beifall bekommen. Das ist doch die Crux unseres Systems: Das Geld, das die Werfer mit ihren Medaillen gewinnen, wird wieder nur in den Wurfbereich gesteckt und fehlt dann, um Trainer für die Läufer einzustellen. Wir müssen stark im Laufbereich sein. Bei den Bahnläufern war Ende vergangener Saison ein einziger unter den besten 30 der Weltrangliste, Hürdensprinter Thomas Blaschek auf Platz 22.

Warum funktioniert denn das Istaf nur über Laufwettbewerbe?

Laufwettbewerbe sind am besten zu verstehen. Wer als erster ins Ziel kommt, hat gewonnen. Bei vielen technischen Disziplinen kann schon in den ersten fünf Minuten der Siegeswurf gemacht haben. Die Vermarktungsagentur IMG hat herausgefunden, warum die Einschaltquoten in der Leichtathletik zurückgehen: Es gibt einfach zu wenig Persönlichkeiten im Laufbereich. Bei uns in Deutschland fehlen eben die Dieter Baumanns, die Harald Schmids, die Grit Breuers, die Nils Schumanns. Wir sind in den Wurfdisziplinen Weltspitze, trotzdem bekommen wir nicht die Quoten, manchmal kommen wir überhaupt nicht ins Fernsehen.

Aber die Wettbewerbe der Werfer kann man doch nicht verändern, oder?

Es gab schon Versuche. Zum Beispiel Speerwerfen im K.o.-System. Wäre aus Zuschauersicht spannender, aber lässt der Weltverband nicht gelten. Die Athleten wüssten: Wenn ich hier einen Weltrekord werfe, wird er nicht anerkannt. Also: entweder Jahrmarkt oder gar nicht.

Den früher gedopten britischen Sprinter Dwain Chambers laden Sie in diesem Jahr nicht ein.

Nein. Das ist eine interne Politik, die wir haben, jemand im Jahr nach Ablauf seiner Sperre nicht starten zu lassen.

Welchen Sinn hat denn eine Sperre eigentlich, wenn ein Athlet wie Chambers nach ihrem Ablauf trotzdem nicht laufen darf?

Wir möchten nicht die negative Thematik Doping bei uns reinbringen. Das lenkt vom Sportlichen ab. Deshalb müssen wir eine so genannte Cooling-off-Periode haben. Da halte ich ein Jahr für vernünftig. Wenn Chambers aber in diesem Jahr gut über die Runden kommt und auch wieder ins Dopingkontrollsystem eingegliedert ist, würde ich mich freuen, wenn er danach wieder nach Berlin kommt, zumal wir noch Geld von ihm kriegen.

Und zwar wie viel?

Er ist bei uns 2002 und 2003 gestartet und muss dafür alle Prämien zurückzahlen. Über 100 Meter ist er einmal Zweiter und einmal Dritter geworden. Das wären ungefähr 20 000 bis 25 000 Dollar Preisgeld. Da könnte er natürlich einen Scheck schicken, aber das wird er nicht machen. Oder er tritt bei uns an, fast umsonst, ein bisschen was darf er ja zum Leben behalten, da gibt es eine Regel.

Ihre Rolle als Veranstalter ist deutlich wichtiger geworden im Anti-Doping-Kampf. Sie sind nun Richter, denn Sie sagen, wen sie einladen und damit über die Verdienstmöglichkeiten eines Athleten.

Richtig, wir haben aber auch eine moralische Aufgabe, unseren Sport sauber zu machen. Was den Athleten wehtut, aber auch gefällt, ist das Geld. Das Geld ist nun mal bei den Weltmeisterschaften und Top-Meetings. Wenn wir sagen, das lassen wir nicht zu, können wir auch genügend Druck ausüben, um hier etwas zu ändern. Ich glaube, wir haben eine Bewusstseinsänderung bei den Athleten. Wie stark die ist, darüber könnte ich nur spekulieren.

Was schadet Ihnen mehr: Doping oder der Misserfolg der Deutschen?

Doping ist die Existenzfrage der Meetings. Sie werden gerade in Deutschland nur Erfolg haben, wenn Sie ganz klar Position gegen Doping beziehen. Was den Misserfolg betrifft: Ich glaube, dass wir jetzt auf dem Tiefpunkt angelangt sind, in Valencia bei der Hallen-WM lagen wir ohne Medaille hinter Kasachstan. Aber ich glaube sehr an einen Schweinezyklus und dass nach sieben mageren Jahren wieder sieben fette kommen. Bundestrainer Jürgen Mallow hat eine junge Mannschaft aufgebaut, mit der wir bei Olympia 2012 vielleicht besser dastehen.

Haben Sie sich ein Ultimatum gesetzt: Wenn die deutsche Leichtathletik nicht erfolgreicher wird, hat das Istaf keine Berechtigung mehr?

Ja, es gibt die klare Aussage von ARD und ZDF, dass sie nach der WM 2009 in Berlin entscheiden, wie sie mit der Leichtathletik weiter umgehen. Wir haben ja in den vergangenen Jahren gesehen, dass immer weniger Leichtathletik übertragen wurde. Dieser Trend muss umgekehrt werden – durch eine hervorragende Leichtathletik-WM. Wir sind auch dieses Jahr bereit, unseren Beitrag zu leisten und bieten mit 70 000 Zuschauern und zwei Stunden live im Fernsehen die bestmögliche Plattform an. Ohne öffentlich-rechtliche Übertragung wird es jedenfalls kein Istaf mehr geben.

Das Gespräch führte Friedhard Teuffel.

Gerhard Janetzky, 57, ist geschäftsführender Gesellschafter der LVG GmbH, die das Istaf ausrichtet und selbständiger Unternehmensberater in Berlin und Garmisch-Partenkirchen.

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