Sport : Leichtathletik: Wenn zu viele Athleten stören

Robert Hartmann

So viel Bescheidenheit war noch nie in der deutschen Leichtathletik. Zu den Hallenweltmeisterschaften an diesem Wochenende in Lissabon werden nur 13 Frauen, darunter drei Staffelläuferinnen, und fünf Männer geschickt. In den Sprungdisziplinen und im Kugelstoßen sind die Normen sehr hoch angesetzt worden, weshalb die DLV-Funktionäre öffentlich empört protestierten. So sammelt man Pluspunkte für Mitgefühl.

Aber das ist nur ein Teil der Begründung für die kleine deutsche Mannschaft bei den globalen Titelkämpfen. Dort gibt es immerhin 28 Goldmedaillen zu gewinnen, jede honoriert mit einem 40 000-Dollar-Scheck. Ein zweiter Grund ist hausgemacht. In den vom Weltdachverband IAAF großzügig behandelten Läufen war es die deutsche Leistungssport-Abteilung, welche die Qualifikationskriterien hoch ansetzte. An sie kamen in den 14 Wettbewerben nur vier Männer und sechs Frauen heran.

Verlangt wurde beispielsweise über 60 m der Frauen eine deutsche Qualifikationszeit von 7,15 Sekunden (IAAF-Norm 7,50 Sekunden). Damit steht die Österreicherin Karin Mayr auf Platz sechs der Weltrangliste. Olympiasiegerin Heike Drechsler sollte einen Weitsprung von 6,85 m nachweisen. Glückwunsch, hätte sie die Aufgabe gelöst. Sie wäre damit jetzt die Zweitbeste der Welt. Immerhin reichten ihre 6,74 m vom 4. Februar in Stuttgart noch für Platz vier.

Sportchef Rüdiger Nickel sagte, diese Leistungsanreize hätten sich in der Vergangenheit bewährt. Es sieht aber danach aus, dass die Anzahl der Athleten, die für eine Weltmeisterschaft in Frage kommen, immer geringer geworden ist. In Sydney war das Olympia-Team um ein Viertel kleiner als vier Jahre vorher in Atlanta. Vor die Wahl gestellt, entweder auf den risikanten Spitzensport oder auf Fortbildung zu setzen, entscheiden sich junge Athleten inzwischen immer öfter für eine berufliche Zukunft.

Gerne wäre die Hochspringerin Alina Astafei dabei gewesen, zumal die Hallenweltmeisterin von 1995 wieder aufsteigende Form besitzt. Doch dafür hätte sie 1,94 m überqueren müssen, das war im Herbst von der IAAF so festgelegt worden. Bei den Deutschen Meisterschaften in Dortmund flopte die gebürtige Rumänin über 1,93 m, weil dort die Latte aufgelegt war. Die nächste Höhe, 1,95 m, verpasste sie.

Meint es der DLV nicht ernst mit der Athletenfreundlichkeit? Jedenfalls wird sich die Zahl der Enttäuschungen in Grenzen halten, und der Prozentsatz der Medaillengewinner gemessen an der Gesamtgröße der Mannschaft dürfte hoch sein. Stabspringer Michael Stolle, Dreispringer Charles Friedek, Hochspringer Martin Buß, Shanta Gosh, die Aufsteigerin der kurzen Hallensaison über 400 m und mit den Staffelkollegen, Heike Drechsler, die Kugelstoßerin Nadine Kleinert-Schmitt, die Fünfkämpferinnen Sabine Braun und Karin Ertl könnten theoretisch alle Edelmetall gewinnen. Das wäre vom 19-jährigen Tim Goebel über 60 m wohl zu viel verlangt. Er will das Finale erreichen.

Letztlich aber sind auch diese 8. Hallen-Weltmeisterschaften nicht das Jahresziel. Die 3000-m-Favoritin Irina Mikitenko flog lieber in ein Höhentrainingslager in Albuquerque, 800-m-Olympiasieger Nils Schumann zieht ein Aufbautraining für den Sommer vor. Stabhochspringer Danny Ecker schob eine Fußoperation nicht auf, um bei der Freiluft-WM in Edmonton/Kanada im August starten zu können. Dennoch dürfte Lissabon ein gutes Sportfest erleben, bei dem zu viele Athleten allerdings nicht erwünscht sind. Schlecht für die Betroffenen, gut für die Zuschauer, die viele Vorkämpfe im Fernsehen ohnehin kaum mögen.

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