Leichtathletik-WM : Ach, was sind schon Medaillen!

Die deutschen Leichtathleten sind bei einer WM erfolglos wie lange nicht mehr und zufrieden damit. Ein bisschen Hoffnung gibt es dennoch.

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Robert Harting wurde Sechster bei der WM in London. Früher wäre dies ein Drama gewesen.
Robert Harting wurde Sechster bei der WM in London. Früher wäre dies ein Drama gewesen.Foto: dpa

Dass sich gerade etwas verändert in der deutschen Leichtathletik, wurde schon am zweiten Tag der WM in London deutlich. Diskuswerfer Robert Harting, die prägende Figur der deutschen Athleten in den vergangenen zehn Jahren, war dran. Harting begegnete man vor wenigen Jahren noch ehrfürchtig. Den Mann umwehte die Aura des Unbesiegbaren, sein Kreuz war breit, seine Arme muskelbepackt und seine Außendarstellung immer ein bisschen aggressiv. An diesem zweiten Tag der Weltmeisterschaften in London, Harting war soeben Sechster geworden, wurde augenfällig, dass Harting nicht mehr viel von dem Wettkampftier von einst gemeinsam hat. Der 32-Jährige ist zierlicher und im Umgang freundlicher geworden. Er sagte nach dem Wettkampf, dass er mit diesem Ergebnis schon leben könne. Die anderen seien halt einfach besser.

Nun wäre es gemein, die heruntergeschraubten Erwartungen des in die Jahre gekommenen Sportlers als stellvertretend für die deutsche Leichtathletik zu betrachten. Aber mancher Beobachter dürfte sich gewundert haben, als der deutsche Leichtathletikverbandspräsident Clemens Prokop am Sonntag eine positive Bilanz aus deutscher Sicht zog: „Wir haben uns wieder nach oben gearbeitet und sind für die Zukunft gut gerüstet.“

Deutschland belegte im Medaillenspiegel bei der WM in London mit einer Gold-, zwei Silber und zwei Bronzemedaillen den zehnten Platz. Derart wenige Medaillen gab es für die Deutschen bei einer WM zuletzt vor 14 Jahren in Saint-Denis. Wer also Wert auf Edelmetall legt, der kann nur zu dem Ergebnis kommen, dass sich die deutschen Athleten gehörig in der Krise befinden. Doch genau darum, um Medaillen – das hatte der deutsche Cheftrainer Idriss Gonschinska schon vor den Wettkämpfen beteuert – ging es den Verantwortlichen des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV) nicht vordergründig.

„Wir müssen Geduld haben“, hatte Gonschinska gesagt, „wir wollen Talente identifizieren.“ Auch helfe ihm nicht, was andere alles von einem erwarten würden. Schließlich befinde man sich im ersten Jahr nach den Olympischen Spielen und das sei immer ein Jahr der Neuformation. „Die Planbarkeit von Medaillen ist daher nicht einfach. Und bei so einer WM machen auch noch 200 andere Nationen mit.“

Was Gonschinska von sich gab, klang vernünftig. Aber mit diesen Sätzen widersprach er auch den Zielen von höchster sportpolitischer Stelle. Bundesinnenminister Thomas de Maizière und der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) streben mit ihrer vor sich dahinsiechenden Leistungssportreform nichts weniger als die Planbarkeit des Erfolgs an. Vor zwei Jahren formulierte de Maizière sogar schon einmal das konkrete Ziel, dass Deutschland bei Olympischen Spielen künftig ein Drittel mehr Medaillen gewinnen müsse. Die olympische Kernsportart Leichtathletik ist besonders gefordert. Das Ergebnis von London stimmt auf den ersten Blick wenig hoffnungsvoll.

Die jungen deutschen Läuferinnen machen Hoffnung

Zwar bewahrte der vorletzte Wettkampftag, als die deutschen Athleten vier Medaillen (darunter eine goldene durch den Speerwerfer Johannes Vetter) gewannen, den DLV vor einem Debakel. Aber selbst in Disziplinen, in denen fast immer Medaillen heraussprangen wie im Diskus-, Hammerwerfen oder im Kugelstoßen wurde es in London für die Deutschen nichts. Einstige Weltmeister wie Harting, der Stabhochspringer Raphael Holzdeppe oder der Kugelstoßer David Storl enttäuschten.

Auf den zweiten Blick aber sind die von Gonschinska erwähnten Potenziale durchaus zu erkennen. In London überzeugten vor allem die jungen deutschen Läuferinnen. Die Sprinterin Gina Lückenkemper raste in ihrem 100-Meter-Vorlauf in 10,95 Sekunden durchs Ziel. Vor der 20 Jahre alten Lückenkemper war zuletzt Katrin Krabbe als letzte Deutsche unter elf Sekunden gelaufen. Das war im Jahr 1991. Viel Hoffnung machen auch die Mittelstreckenläuferinnen Konstanze Klosterhalfen und Hanna Klein. Letztere schaffte es in London ins Finale. Klosterhalfen, wie Lückenkemper gerade mal 20 Jahre alt, scheiterte in London zwar im Halbfinale. Doch die Zeiten, die sie vor der WM gelaufen war, waren dicht dran an denen der seit Jahren dominierenden Ostafrikanerinnen.

Viel zu erwarten ist auch in Zukunft von der 3000-Meter-Hindernisläuferin Gesa Krause, der in London viele eine Medaille, manche sogar eine Goldmedaille zugetraut hatten und die bei ihrem Sturz so großes Pech hatte. Die 25-Jährige ist vermutlich die stärkste deutsche Läuferin im Moment. Krause hat es über die Jahre geschafft, Gelder zu akquirieren, die es ihr ermöglichen, viel im Ausland unter besten Bedingungen zu trainieren. Das Modell Krause, das eben nicht auf die Hilfe des Bundes angewiesen ist und relativ unabhängig von zentral gesteuerten Maßnahmen ist, scheint derzeit das vielversprechendste zu sein.

Für die deutsche Sportpolitik kann das Beispiel Krause auch heißen, dass sie sich in Zukunft vielleicht etwas herausnehmen kann in Sachen Spitzensportförderung.

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