LEICHTATHLETIK-WM : Bolt locker im Finale Das erwachsene Kind

David Storl wird mit 21 erster deutscher Kugelstoß-Weltmeister. Der Chemnitzer entwickelte in sehr kurzer Zeit eine beeindruckende Wettkampfhärte

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Titelverteidiger Usain Bolt ist bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Daegu locker ins 200-Meter-Finale gesprintet. Fünf Tage nach seinem Fehlstart-Debakel im Finale über 100 Meter gewann der Weltrekordler aus Jamaika seinen Halbfinallauf am Freitag scheinbar mühelos in 20,31 Sekunden. Er trabte auf den letzten Metern sogar noch regelrecht aus und hatte trotzdem keine Mühe zu gewinnen. Der Jamaikaner gab wie gewohnt vor dem Start den Showman, ganz offenkundig hat er die Pleite über 100 Meter gut überstanden. Im Endlauf am Samstag ist der Jamaikaner, der mit 19,19 Sekunden den Weltrekord hält, haushoher Favorit und strebt sein erstes Gold bei der WM in Südkorea an. Der Wattenscheider Sebastian Ernst war im Vorlauf ausgeschieden. Tsp/dpa

Dieses Lachen, dieses gelöste Lachen vor dem letzten Versuch, das war eigentlich ein deutlicher Hinweis: Liebe Leute, da kommt nichts mehr von mir, die Spannung ist raus. David Storl, der 21-Jährige, plauderte entspannt mit Ralf Bartels, dem zwölf Jahre Älteren, seinem fast väterlichen Kumpel. David Storl aus Chemnitz hatte den Wettkampf seines Lebens doch schon hinter sich, er hatte bei der Leichtathletik-WM im zweiten Versuch 21,60 Meter gestoßen, persönliche Bestleistung, er lag jetzt im Kugelstoß-Finale auf dem zweiten Platz, er konnte ganz locker ein letztes Mal in den Ring steigen.

Dann stand er drin, die Kugel war in den Rasen geplumpst, und Storl riss die Arme hoch und schrie in die Nacht. Die Kugel war nach 21,78 Meter in den Rasen geplumpst, David Storl aus Döhlen bei Chemnitz war Weltmeister. Vor Dylan Armstrong (Kanada/21,64), dem Weltjahresbesten, vor Andrej Michnewitsch (Weißrussland/21,40). Und vor den Weltstars aus den USA.

Ein 21-Jähriger mit den sanften Gesichtszügen eines Teenagers ist der erste deutsche Weltmeister im Kugelstoßen. „Das werde ich erst in zwei, drei Wochen realisieren“, sagte Storl. Beim Einstoßen schon hatte er die 21-Meter-Marke übertroffen. „Da wusste ich, es kann etwas passieren“. Für seine Verhältnisse hat er diese Sätze emotional rausgepresst, normalerweise brummt er. Und dann hat er gelacht, so ungezwungen, wie ein Kind, das zum ersten Mal eine schwierigere Turnübung bewältigt hat.

David Storl sieht immer noch aus wie ein Schüler, der Angst vor der ersten Tanzstunde hat. „Im Grunde genommen ist er immer noch wie ein großes Kind“, sagte sein Trainer Sven Lang vor der WM. Aber dieses Kind ist extrem schnell erwachsen geworden, das ist die Geschichte hinter diesem Gold. Erwachsen im Sinne von Wettkampfhärte. David Storl hat eine Nervenstärke entwickelt, die fast unglaublich ist.

Es gibt andere Bilder von David Storl, sie sind zwei Jahre alt. Da stand der 19-jährige Storl in der WM-Qualifikation von Berlin. Er hatte eine persönliche Bestweite von 20,43 Meter, aber er schied mit kläglichen 19,19 Meter aus. Einige der Gegner, die er gestern besiegte, die hatten den Neuling schon beim Einstoßen mit ihren Psychotricks zermürbt. Storl beobachtete, wie ihre Kugeln auf überaus beeindruckende Weiten flogen. Der 19-Jährige merkte nicht, dass sie mit Frauen-Kugeln stießen. „Er muss verlieren lernen, das bringt ihn weiter“, sagte Bartels damals. 2009 holte er Bronze. Gestern wurde er Zehnter (20,14).

Wird Storl von seiner eigenen Größe erdrückt?, das war im Grunde genommen bis gestern die Frage bei Storl. U-18-Weltmeister, U-20-Weltmeister, Jugend-Weltrekordler, „Jahrhunderttalent“ (ein Nachwuchs-Bundestrainer), Zahlen und Titel schufen das Bild eines Athleten, den immer größere Erwartungen unter zunehmend größeren Druck setzten. Lang hatte nach der WM 2009 Angst, dass ihn die Pleite nachhaltig belasten könnte. „Die Frage ist, wie er den Übergang zu den Erwachsenen hinbekommt“, sagte auch Bartels. Er war 27, als er erstmals über 21 Meter stieß.

Storl schaffte es als 20-Jähriger. Er hatte keinen Einbruch. EM-Fünfter (2010), Vize-Weltmeister in der Halle (2011), und im Juni dann der symbolisch aufgeladene Stoß: Storl übertraf erstmals die 21-Meter-Marke (21,03). Aber wird er auch bei der WM, dem wahren Härtetest, bestehen? Das war die Frage. Doch dann erreichte Storl in der Qualifikation 21,50 Meter und brummte: „Ich hoffe, im Finale geht’s ein bisschen weiter.“

Vermutlich hat diese Nervenstärke auch damit zu tun, dass er immer noch der nette, unkomplizierte Junge aus Döhlen ist. Storl liefert keine Sprüche, er bedient nicht die Leute, die ihn mit ihren Lobeshymnen größer machen wollen, als er sich fühlt. 2011 hat er Bartels sportlich überholt, den Mann, der ihn durch seine Dominanz immer wieder gepuscht hat und den er als Rivalen braucht, um Leistung zu bringen. Aber Storl zeigt unverändert Respekt vor dem Älteren, mit dem er das Zimmer teilt. So einer verkrampft nicht angesichts der eigenen Bedeutung.

„David wird 2012 Olympiasieger“, hatte Ex-Weltrekordler Udo Beyer im Juni gesagt. „Ach, das nehme ich nicht so ernst“, hat Storl nur gebrummt. Aber vielleicht muss er wirklich umdenken. Denn Beyer ist nicht mehr allein. „David hat das Zeug, in London Olympiasieger zu werden“, sagte gestern einer. Es war Dylan Armstrong. Der Vize-Weltmeister.

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